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Berlinale 2009: „Der Vorleser“ im Programm der Berlinale

Reader_01Welchen Preis zahlt man fürs Überleben? Es gibt nicht wenige Filme auf der Berlinale, die den Holocaust und seinen Nachhall in der Gegenwart thematisieren. Am prominentesten platziert im Berlinale-Programm sind zwei Werke, die aus Perspektiven auf die Vergangenheit blicken, die abweichender nicht sein könnten. Verrückt werden und sich konsequent erniedrigen, damit übersteht der Varietй-Zauberer Adam Stein im Paul-Schrader-Film „Adam Resurrected ­– Ein Leben für ein Leben“ das Vernichtungslager.

Der Vorleser“ (The Reader) nach dem Bestseller von Bernhard Schlink handelt dagegen nicht vom Überleben der Opfer, sondern vom Weiterleben der deutschen Täter nach Kriegsende. Und begibt sich damit auf bedenkliche Abwege. Erzählt wird die Lebensbeichte von Michael Berg, inzwischen ein angesehener Rechtsanwalt, der als 15-jähriger Schüler im Nachkriegsdeutschland eine Affäre mit einer um einiges älteren Frauer lebt. Zwischen beiden etabliert sich ein seltsames Ritual: Er liest ihr die Klassiker der Weltliteratur vor, danach haben sie Sex. Eines Tages verschwindet die Geliebte so unvermittelt aus seinem Leben, wie sie darin aufgetaucht war. Jahre später begegnet er ihr wieder – als Angeklagte in einem Kriegsverbrecherprozess. Hanna, die Frau, die der junge Michael als einfache Straßenbahnschaffnerin liebte, war als SS-Wärterin am Tod von mehreren hundert Jüdinnen beteiligt. Mit welcher individuellen Verantwortung – das ist die Frage, die den erwachsenen Berg nicht mehr loslässt.

Der-VorleserSchlinks Roman wurde nach seinem Erscheinen 1995 rasch zum international gefeierten Verkaufsschlager. Erst mit einigen Jahren Verzögerung meldeten vor allem britische Literaturwissenschaftler und Schriftsteller gravierende Bedenken an: Schlink betreibe sentimentale Geschichtsfälschung und ergehe sich in Selbstgefälligkeit, wenn er eine Täterin im Blick des Erzählers letztendlich als Heilige darstelle. Die Kritiker nahmen kein Blatt vor den Mund – „Kulturpornografie“ und „moralische Perversion“ lauteten weitere Urteile.

Falls Regisseur Stephen Daldry und sein Drehbuchautor David Hare die Einwände ihrer britischen Landsleute irgendwann einmal zur Kenntnis genommen haben sollten, haben sie sie erfolgreich verdrängt. Was im Buch noch als Problem verhandelt wird, wird im Film von production values, Staraufgebot und Bildästhetik glatt gebügelt. Nicht, dass Hanna (Kate Winslet) keine ambivalente, zugleich zerbrechliche und starke, launenhafte und liebenswürdige Figur wäre. Aber ihr schamvoll gehütetes Geheimnis ist nicht, eine SS-Wärterin gewesen zu sein, sondern ihr Analphabetentum, das sie selbst vor ihrem Liebhaber verborgenhielt. Nicht lesen und schreiben zu können ist ihr eine größere Schande, als willfähriger Teileiner Mordmaschine gewesen zu sein. Kann es frivoler werden? Es kann. Im Buch wird der Selbstmord Hannas in ihrer Gefängniszelle aus gutem Grund so knapp wie möglich berichtet. Im Film dürfen wir dabei sein, wenn Kate Winslet, oder vielleicht ein Fußdouble, in ihrer Zelle auf einen Berg Bücher steigt, um sichzu erhängen – und die Kamera sich dabei ausschließlich für ihre zerschundenen Füße interessiert. Wenige Szenen später sucht Michael Berg (Ralph Fiennes) eine jüdische Überlebende in New York auf. Im Buch wohnt diese Frau in einem einfachen Reihenhaus, im Film in einem luxuriös ausgestatteten Upperclass-Apartment. Deutlicher kann man die Differenz zwischen „Gewinnern“ und „Verlieren“ der Geschichte wohl kaum ins Bild setzen.

Bei den britischen und US-amerikanischen Filmkritikern fielDer Vorleser“ nicht nur wegen solcher Merkwürdigkeiten glatt durch trotz ausgiebigen Lobes für Kate Winslet und David Kross, dem Darsteller des Erzählers als junger Mann. Dem Gegensatz von Barbarei und Kultur – wer lesen kann, wird nicht Teil einer Mordmaschine –, den der Film und seine Vorlage implizieren, mag man, 60 Jahre nach der „Dialektik der Aufklärung“, auch nicht mehr so recht vertrauen.

Adam_hundesohn_01Dass Kultur als Überlebensstrategie in finsteren Zeiten niemanden unbeschädigt rettet, weiß dagegen der neue Film von Paul Schrader, „Adam Resurrected„, nach dem Roman „Adam Hundesohn“ von Yoram Kaniuk. Der jüdische Entertainer Adam Stein (Jeff Goldblum), vor dem Krieg ein gefeierter Bühnenkünstler, macht sich im KZ buchstäblich zum Hund des Lagerkommandanten, um in dessen Gunst zustehen. Nach seiner Befreiung wird er in ein Institut für nervenkranke Überlebende eingewiesen, weil er die Schande nicht ertragen kann. In „Ein Leben für ein Leben“ ist der Preis des Überlebens das Verrücktwerden. Gegen Verzweiflung, so lehrt Stein seine Mitinsassen, hilft nur das Gelächter des schwarzen Humors. Und steht in „Der Vorleser“ zwischen den Generationen die Frage der Schuld, so sind sie in „Adam Resurrected“ verbunden durch das Versprechen der Erlösung. Einen optimistischeren Paul-Schrader-Film hat es noch nicht gegeben.

Text: Dietmar Kammerer

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The Reader
Wettbewerb 6.2., 19.30 Uhr, Berlinale-Palast, 7.2., 12.00 Uhr, Friedrichstadtpalast; 7.2., 22.30 Uhr, Urania; Kinostart: 26.2.

Adam Resurrected
Special 7.2., 21.45 Uhr, Cinema Paris; 8.2., 23.00 Uhr, Babylon Kinostart: 19.2.

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