Kino & Stream

Korean Cinema Today im Haus der Kulturen der Welt

Nobody's Daughter Haewon

Beziehungsdrama, Tragikomödie, Melodram, religiöse Parabel; Dokumentar-, Essay- und Animationsfilm; Roadmovie, Thriller und restaurierter Klassiker; traditionelle Filmsprachen und formale Wagnisse – die Auswahl von zehn Filmen des Busan International Film Festivals, die unter dem Titel „Korean Cinema Today“ vom 24. April bis zum 4. Mai im Haus der Kulturen der Welt zu sehen ist, hat es in sich. Sie vermittelt einen Einblick in den gegenwärtigen Stand südkoreanischen Filmschaffens, bildet zugleich einen wunderbaren Querschnitt durch die Genres und legt nicht zuletzt einen Fokus auf Frauen vor und hinter der Kamera. Dabei sind es nicht nur Regisseurinnen, die Protagonistinnen ins Zentrum rücken und Geschichten aus dem Leben der Frauen im nach wie vor stark patriarchal geprägten Südkorea erzählen. Arthouse-Liebling Hong Sang-soo wählt in seinem 14. Film tatsächlich zum ersten Mal die Perspektive einer weiblichen Hauptfigur, ansonsten aber bleibt in „Nobody’s Daughter Haewon“ alles beim Alten: Im Wechsel von Entscheidungsschwäche und Selbstmitleid wird viel geredet, noch mehr getrunken (oder umgekehrt?) – und am Ende nichts erreicht. Allerdings bildet Hongs melancholisch-humoristischer Ton die Ausnahme. Dagegen setzen Filme wie Kim Jae-hans „Thuy“, ein verhaltener Thriller über das Schicksal einer für dumm verkauften vietnamesischen Frau, oder Lee Yubins Road-Movie-Familiendrama „Shuttlecock“ den Grundtenor einer konfliktgeladenen Gesellschaft, die an ihrer Wut zu ersticken droht, wenn sie nicht gerade vor Zorn explodiert. Buchstäblich verkörpert findet sich diese ins Selbstzerstörerische zielende Verfassung in dem übel gelaunten, gewalttätigen Protagonisten von Yeon Sanghos Animationsfilm „The Fake“, der zwischen falschen Propheten und kollektiver Glaubenshysterie keinen Ausweg findet. Auch der Eröffnungsfilm, „Han Gong-ju“ von Lee ?Su-jin – dessen Titelfigur Opfer einer Gruppenvergewaltigung wurde und nun in fremder Umgebung auf sich allein gestellt versucht, im Leben wieder Fuß zu fassen – ist kompromisslos in seiner emotionalen Wucht. Er lässt keinen Zweifel daran, dass es nicht nur um das Geschlechterverhältnis übel bestellt ist, sondern dass darüber auch nicht länger geschwiegen werden kann. Ergänzend steuert Lee Yong-Seung mit „10 Minutes“ eine detaillierte Untersuchung struktureller Gewaltverhältnisse am Arbeitsplatz bei und folgt dem Unglück und dem Schmerz des Helden, der von einer festen Anstellung träumt, bis an die Wurzel. Hin zu einer autoritär durchgesetzten, streng hierarchischen, staatlichen Organisationsform, die auf sozialer Kontrolle, materiellem Status und öffentlichem Image beruht und die ihre Bürger zwischen feudaler Tradition und modernem Demokratieversprechen zerreibt.

Text: Alexandra Seitz

Foto: Exoticshop

Korean Cinema Today, ?Filme vom Busan International Film Festival. Do 24.4. bis So 4.5. im Haus der Kulturen der Welt

www.hkw.de

Mehr über Cookies erfahren