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„Kreuzweg“ im Kino

Kreuzweg

Maria Göttler (Lea van Acken) geht in eine ganz normale Schulklasse. Das bedeutet in ihrem Alter: Viele lesen die „Bravo“. Doch Maria gehört einer Gruppe von Christen an, für die es sich dabei um eine „schädliche Zeitung“ handelt. Und auch sonst hat die Priesterbruderschaft St. Paulus so ihre Schwierigkeiten mit der populären Kultur. Bei Soul und Gospel denken diese Menschen an Satan und Hölle, und von „monotonen Basslinien“ geht ihrer Meinung nach eine Verführung zur Unkeuschheit aus. Und „Unkeuschheit ist die zentrale Sünde unserer Zeit“. Nicht gerade ideale Voraussetzungen sind das, um in einer Welt wie der heutigen in die Pubertät zu kommen, wenn überall nur Vergehen lauern. Und in der Schule gibt es auch Probleme, weil Maria ja nicht zu satanischen Rhythmen im Kreis hopsen soll.
KreuzwegWer bei dieser Konstellation an die Nöte bestimmter muslimischer Jugendlicher oder Vertreter anderer strenger Religionsgruppen (oder gar an die Taliban) denkt, liegt nicht verkehrt. Doch das clevere Manöver, auf das die Geschwister Dietrich (Regie und Buch) und Anna Brüggemann (Buch) ihren Film „Kreuzweg“ bauen, führt diese Konflikte auf die christliche Religion zurück. Zwar sind Marias Glaubensgenossen eine Ausnahme, weil sie sich bewusst von der etablierten Kirche getrennt haben. Diese „Konzilskirche“, die sie für ihre Annäherung an die Welt verachten, lässt Priester bei der Messe ins Volk blicken. Bei der Gemeinde, in der die Göttlers beten, wäre das undenkbar. Alles ist auf Gott ausgerichtet, allerdings erweist sich im Alltag der Satan als fast noch wichtiger.
Maria nimmt es mit dem Glauben aus verschiedenen Gründen besonders ernst. Da ist zum einen ihre Mutter, ein rechter Hausdrachen, den Franziska Weisz mit einigem Mut zu emotionalen Wechselbädern stellenweise bravourös, dann aber auch wieder sehr plakativ spielt. Für einen unbefangenen Beobachter ist diese Mutter das ganze Problem der Göttlers, und eine gute Familientherapie würde am meisten helfen.
Doch „Kreuzweg“ hat ein anderes Programm, und dementsprechend auch Maria. Sie bietet Gott ihr Leben als Opfer an, und Dietrich und Anna Brüggemann nehmen dieses Opfer an. Ihr Film hat nämlich den Anspruch, die Stationen des Kreuzwegs Jesu nachzuvollziehen. Das ergibt zu Beginn an manchen Stellen tatsächlich interessante Verfremdungen der alltäglichen Wirklichkeit, doch je länger „Kreuzweg“ dauert, desto mehr wird der Film zum Gefangenen dieser einen Idee. Und als Maria dann wie vorgesehen tatsächlich nachmittags um drei Uhr stirbt, ist das Konzept kaum mehr zu ertragen: Filmkunst verkommt zur Parodie der Heilsgeschichte und kassiert für eine billige Pointe die Nuancen und Ambivalenzen ein, die vorher noch gelegentlich erkennbar waren.

Text: Bert Rebhandl?

Fotos: Camino Filmverleih

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Kreuzweg“ im Kino in Berlin

Kreuzweg, ?Deutschland 2014; Regie: Dietrich Brüggemann; Darsteller: Lea van Acken (Maria), Franziska Weisz (Mutter), Florian Stetter (Pater Weber); 116 Minuten; FSK 12

Kinostart: 20. März

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