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Drama

„La Flor“ – Der 13-stündige Film erkundet die Grenzen des Erzählens

Ein Labyrinth ohne Lösung: Der argentinische Regisseur Mariano Llinás erkundet im mehr als 13 Stunden langen Film „La Flor“ die Grenzen des Erzählens – endlos spannend

Grandfilm

„Hallo.“ Der Film „La Flor“ beginnt damit, dass Regisseur Mariano Llinás das Projekt erklärt. Das kann nicht schaden, denn was nun folgt, ist nicht alltäglich. Dreizehneinhalb Stunden in sechs Teilen, also deutlich länger als eine Serienstaffel, die heutzutage üblicherweise um die zehn Stunden dauert. Aber „La Flor“ ist keine Serie. Ganz im Gegenteil. Llinás macht gleich zu Beginn deutlich, dass er eine wichtige Eigenschaft von Erzählungen mit seinem Projekt nicht so wichtig nehmen wird: Anfang und Ende hängen in „La Flor“ anders zusammen als es üblicherweise zu erwarten ist.

Am Beispiel der ersten Episode sieht das so aus: In einem Labor in Argentinien wird eine Kiste angeliefert. Die Osterfeiertage stehen an, vieles ist noch zu erledigen; da hat eigentlich niemand Zeit, sich um diese Stück Frachtgut zu kümmern. Dann öffnet aber jemand doch noch die Kiste. Sie enthält eine Mumie – eine schrecklich anzusehende Frauengestalt mit einem roten Band vor Augen. Als eine Frau namens Marcela das Band entfernt, kullern die Augen zu Boden. Die Mumie („die Entität“) löst eine Welle von seltsamen Ereignissen aus, bis eine Geisterexpertin die Sache in den Griff bekommt. Sie weiß Bescheid: Die Mumie ist „eine von den drei Königinnen“.

Nun wüsste man gern, was es mit diesen drei Königinnen auf sich hat, aber an diesem Punkt beginnt die nächste Episode von „La Flor“: die Geschichte einer Sängerin, die mit einem viel älteren Partner eine zerstörerische Beziehung führt, und die Geschichte ihrer Freundin, die Teil eines seltsamen (terroristischen?) ­Geheimbunds ist. Auch diese Episode endet mit einem Cliffhanger, also mit einem Spannungsmoment.

Allerdings hat uns Mariano Llinás schon zu Beginn erklärt, dass die ersten vier Episoden in „La Flor“ nicht zu Ende erzählt werden, bei der sechsten hingegen „fehlt“ der Beginn, nur die fünfte ist in sich geschlossen. Die fünfte ist auch so etwas wie ein Remake. Das Vorbild ist ein berühmter, halblanger Film von Jean Renoir: „Partie de campagne“ („Eine Landpartie“, 1946), inspiriert durch den Vater des Regisseurs, den Maler Auguste Renoir.
Schon vor zehn Jahren hat Mariano Llinás einen verschachtelten, überlangen Film präsentiert: „Historias extraordinarias“ lief 2009 beim Festival „Around the World in 14 Films“ auch in Berlin. Die Entstehungsgeschichte von „La Flor“ geht bis in diese Zeit zurück. Die wichtigsten verbindenden Momente in den ­Kapiteln, Episoden und Akten von „La Flor“ (die Zählung stiftet eher Verwirrung, vermutlich mit Absicht) sind: ein schillerndes Verhältnis zu den Genreformeln, mit denen das Kino häufig arbeitet – und eine Gruppe von vier Schauspielerinnen, die alle tragenden Rollen übernehmen.

„Die Blume“, wie der spanische Titel auf Deutsch lautet, besteht also in mehrfacher Hinsicht aus „Blättern“: Die Akte sind wie einzelne Blätter (auch eines Buches); die weiblichen Stars formen eine Blüte; die (fragmentierten) Geschichten bilden so etwas wie ein „Florilegium“ der Filmgeschichte, also eine Anthologie. Die Blätter aus seinem Notizbuch, die Llinás dabei mehrfach in die Kamera hält, kann man durchaus buchstäblich nehmen: Literatur und grafische Ideen gehen ständig ineinander über. Das erzählerische Wort und die Abstraktheit der Konstruktion der Gesamt­erzählung ergeben ein eigenes Spannungsverhältnis. Anleihen bei der lateinamerikanischen Literatur der Moderne und der Gegenwart (von ­Adolfo Bioy Casares bis zu Roberto Bolaño) sind deutlich herauszuhören.

Der längste erzählerische Block ist eine Agentengeschichte, die sich in der Mitte von „La Flor“ über gut fünf Stunden erstreckt. Hier wird anhand des Motivs von Spionen eine der fixen Ideen von Llinás durchgespielt: der ­Seitenwechsel, der Übergang in einen anderen Bereich (zum Beispiel aus dem Westen in die DDR). Das ganze Projekt von „La Flor“ lässt sich vielleicht aus diesem reflexiven Interesse herleiten, dass die klassische Trennung zwischen Autor und Erfindung obsolet geworden ist – wie auch die Vermutung, Spione könnten auf der anderen Seite einer Wahrheit nahekommen. Llinás spielt in diesen manchmal monoton wirkenden, dann aber immer wieder brillant zugespitzten Geheimdienstmanövern auch mit Worten: Spion reimt sich gleichsam auf Spinne – und damit auch auf eine frühe (auch schon verwirrende) Filmserie von Fritz Lang, einem der Paten von „La Flor“. Aus jedem Wort kann hier eine Welt entstehen, und jede Assoziation kann diese Welt auch wieder verschlingen. „La Flor“ ist ein Labyrinth ohne Lösung, und damit endlos spannend.

La Flor ARG 2018, 808 Min., R: Mariano Llinás, D: Elisa Carricajo, Valeria Correa, Pilar Gamboa, Laura Paredes, Start: 25.7.

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