Musikalisches Singspiel

„La La Land“ im Kino

Stau in Los Angeles – Alltag. Nichts geht mehr auf der Autobahnbrücke. Es wird gehupt, gegähnt, telefoniert, geschimpft, gedöst. Doch dann setzt plötzlich eine treibende Musik ein, und wie von einem musikalischen Virus infiziert beginnen die Insassen der Autos nach und nach zu singen und zu tanzen, zu Choreografien und Chören zu verschmelzen

Mia (Emma Stone) und Sebastian (Ryan Gosling)

Das Musical ist das artifiziellste aller Filmgenres. Denn wo bitteschön im realen Leben fangen Menschen plötzlich an, Lieder zu schmettern und sich im perfekt synchronen Stepptanz zu präsentieren? Nach einer ­ersten Blütephase mit Erfindung des Tonfilms und deren aufwändiger Fortsetzung in den 1950er- und 60er-Jahren im Kampf gegen das aufkommende Fernsehen werden in den letzten 30 Jahren selbst in Hollywood nur noch sporadisch Musicals gedreht. Und die sind dann bevorzugt im Entertainmentbereich angesiedelt wie bei „A Chorus Line“ (1985) oder „Nine“ (2009) – damit das Ganze eine realistischere Anmutung bekommt. Seither gilt Indien mit seinen hedonistischen Tanz- und Singorgien made in Bollywood als Mekka des Musicals.
Doch nun hat sich der erst 31-jährige Damien ­Chazelle, zuletzt bejubelt für sein vibrierendes Jazzschlagzeugerdrama „Whiplash“, an ein ganz klassisches Musical gewagt, mit allen Ingredienzien, die dazugehören. Etwa, dass die Protagonisten ihre Emotionen musikalisch nach außen kehren.
Die Essenz seiner Geschichte hat Chazelle vom ­großen Billy Wilder gelernt: Boy meets Girl. Der Boy, das ist ­Sebastian (Ryan Gosling, Foto), ein brillanter Jazz­pianist, der vom eigenen Club träumt. Das Girl, das ist Mia (Emma Stone), die unter allen Umständen Schauspielerin werden will. Die beiden sind so mit sich selbst beschäftigt – ­Sebastian badet in Selbstmitleid und spielt in drittklassigen Kombos, Mia rennt von Casting zu Casting –, dass sie beinahe nicht bemerken: Sie sind füreinander bestimmt. Und so werden sie doch noch zum Paar und versuchen sich gegenseitig dabei zu helfen, die (nicht nur) beruflichen Träume wahr werden zu lassen.
Gleich jene anfangs beschrieben erste Szene – eine virtuose, minutenlange Plansequenz – offenbart zweier­lei: Zum einen ist Damien Chazelle ein glänzender ­Regisseur, der auch komplizierteste Bewegungsabläufe zu inszenieren weiß, zum anderen geht er zwar sehr spielerisch an die musikalische Sache, nimmt aber das Genre und die Szenerie ernst genug, um keine Lächerlichkeit aufkommen zu lassen.
So entspinnt sich ein höchst unterhaltsamer Bilderbogen mit ordentlicher Musik. Zwar wird weder Ryan Gosling jemals ein Fred Astaire noch Emma Stone eine Ginger Rogers, aber die beiden versprühen viel Charme in diesem ungewöhnlichen Film.

La La Land USA 2016, 128 Min., R: Damien Chazelle, D: Ryan Gosling, Emma Stone, J.K. Simmons, John Legend, Start: 12.1.

Bewertungspunkte2

https://www.tip-berlin.de/event/musical/la-la-land-2017/

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