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„La lisiиre – Am Waldrand“ im Kino

La lisiиre - Am Waldrand

Zu den deutsch-französischen Crossover-Phänomen, die der Film in sich vereinigt, gehört, dass Valeska Grisebach als dramaturgische Beraterin hinzugezogen wurde, an deren Film „Sehnsucht“ Bajard zuvor als Casterin gearbeitet hatte. „Die Drehbücher von Erstlingsfilmen werden heute immer an Skriptdoktoren gegeben, die es darauf abklopfen, ob es die dramaturgischen Regeln einhält“, erzählt Bajard. „Aber ich schreibe sehr visuell und wollte nicht, dass das Buch formelhaft wirkt. Deshalb war ich froh, mit jemandem zu arbeiten, zu dem ich Vertrauen habe. Auch wenn Valeska andere Filme macht als ich, wusste ich, dass sie die Welt, die ich schaffen wollte, verstehen würde. Sie hat ein Gespür für dieses Schillern zwischen Realismus und Fantastik, für eine Erzählweise, die nicht allein auf narrativer Kausalität beruht.“
Für einen solchen Erzählstil war tatsächlich auch Bettina Böhler, die als Cutterin regelmäßig mit Regisseuren wie Christian Petzold, Angela Schanelec und Michael Klier arbeitet, im Schneideraum die perfekte Verbündete. „Ich glaube, eine deutsch-französische Zusammenarbeit ist interessant, weil da sehr unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen, die sich gegenseitig nur bereichern können“, meint Böhler. „Allerdings haben Gйraldine und ich eine ähnliche Art, an Geschichten heranzugehen. Wir mögen ein Kino, das es schafft, atmosphärisch dicht und dabei auch emotional zu erzählen, im Gegensatz zum rein vom Plot getriebenen Kino.“
La lisiиre - Am WaldrandDie Unbestimmtheit und Lethargie der Erwachsenen in „La lisiиre“ ist freilich nicht nur ein französisches Echo auf die bleierne Sprachlosigkeit, die oft in der Berliner Schule herrscht. Der Film besitzt seinen eigenen, spezifischen Tonfall und gewinnt seine erzählerische Vitalität, in dem er regelmäßig die Perspektive der Jugendlichen wählt, die gegen diese Welt ohne Authentizität aufbegehren. Er beklagt die Austauschbarkeit des Ortes, an den sie geworfen sind, das Fehlen einer verwurzelten kulturellen Identität.
„Drehorte dafür hätte man auch in Deutschland finden können“, sagt Bajard. „Aber der Wunsch, den Film zu inszenieren, geht über die Frage des Schauplatzes hinaus. Was für mich im Drehbuch und in den Beziehungen der Figuren wesentlich war, wollte ich unbedingt im Frankreich der Gegenwart ansiedeln.“

Text: Gerhard Midding

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „La lisiиre – Am Waldrand“ im Kino in Berlin

La lisiиre – Am Waldrand, Frankreich/Deutschland 2010; Regie: Gйraldine Bajard; Darsteller: Melvil Poupaud (François), Audrey Marnay (Jeanne), Hippolyte Girardot (Sam); 101 Minuten; FSK 16

Kinostart: 28. April

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