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„La lisiиre – Am Waldrand“ im Kino

La lisiиre - Am Waldrand

Kein Land hat ein Monopol auf seine Mythen. Der Wald wird hierzulande gern als ein spezifisch eigenes Kulturgut betrachtet. Aber innige Naturverbundenheit und ihr modernes Gegenstück, die Entfremdung, sind nicht an Landesgrenzen gebunden. Wenn Mythen zu Klischees gerinnen, ist es ratsam, sie auf Wanderschaft zu schicken.
Der Titel des ersten Langfilms der in der Schweiz geborenen Französin Gйraldine Bajard, „La lisiиre – Am Waldrand“, markiert eine Trennungslinie, die Zivilisation und Rationalität vom Dunkel-Unergründlichen scheidet. Sie verläuft nicht eindeutig. „Gewiss, man kann an das Motiv der Natur denken, das sich durch die deutsche Kultur zieht“, erläutert die Regisseurin, die an der Berliner dffb studiert hat. „Aber ich wollte einer anderen Tradition des Fantastischen folgen: dem Wald als Ort der kindlichen Ängste, als Ort des Schreckens, der Entdeckungen, aber auch der Freiheit.“
Der Wald ist für die Jugendlichen in diesem Film keine Heimat, sondern ein Refugium, in das sie sich flüchten aus der sterilen Neubausiedlung Beauval, in die ihre Eltern gezogen sind. Im Wald vertreibt sich die Jugendbande ihre Zeit mit rätselhaften Ritualen und gefährlichen Spielen.
La lisiиre - Am Waldrand„Mein Ausgangspunkt war die Frage, wie die französische Gesellschaft das Heranwachsen stigmatisiert“, sagt Bajard. „Sie ist besessen von der Jugendlichkeit, aber lehnt das Verhalten der Jugendlichen ab. Sie interessiert sich nicht für deren wirklichen Empfindungen, für die emotionalen und physischen Veränderungen, für das Gefühl der Zugehörigkeit, das sie in sich entdecken, wenn sie sich in Banden zusammenschließen. Deshalb sind die Rituale im Film ungemein wichtig, weil sich durch sie die Gemeinschaft definiert.“
Die Siedlung in „La lisiиre“ ist ein Gemeinwesen, das keine Wurzeln gefasst hat, und es wohl auch nie tun wird. Jeder ist hier ein Fremder; ein Neuankömmling umso mehr: Der von der Wohnungsbaugesellschaft verpflichtete Arzt François (Melvil Poupaud) weckt die pubertären Fantasien der Mädchen ebenso wie den Argwohn der Jungen. Poupaud verleiht ihm etwas zaghaft Übergriffiges, lässt ziellos seine begehrlichen Blicke schweifen. Auch die Erwachsenen betrachten ihn als faszinierenden Eindringling, der das soziale Gefüge destabilisiert.
„La lisiиre“ schillert stilistisch zwischen der Berliner Schule und der Nouvelle Nouvelle Vague Frankreichs, ist fragmentarisch und zugleich atmosphärisch erzählt, artikuliert sich in Blickwechseln und einem vieldeutigen Körperspiel. „Der Film ist sicher auch ein Nachhall meiner Erfahrungen in Berlin“, versichert Bajard. „In meiner Studienzeit an der dffb habe ich die Erneuerung des deutschen Kinos miterlebt. Diesen Regisseuren fühle ich mich auf der Ebene der Inszenierung sehr nahe, ich teile ihr Misstrauen gegenüber vordergründigen Effekten.“

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