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Land der Geheimnisse

Verborgen in Schnuttenbach

Thomas Majewski kann auf eine beschauliche Jugend auf dem bayerischen Lande zurückschauen. Schnuttenbach heißt das Dorf, das er mit Kicken auf dem Bolzplatz und üppigen Wiesen verbindet. Die knappe Notiz in der Dorfchronik über ein Arbeitslager für Rüstungsgeräte 1944 wird für ihn zum Ausgangspunkt einer intensiven Spurensuche in der Heimat. Als Hauptstrang des Dokumentarfilms „Verborgen in Schnuttenbach“ dient der Besuch ehemaliger Zwangsarbeiter aus Frankreich und den Niederlanden am ehemaligen Ort der Gefangenschaft sowie ihre Begegnungen mit Dorfbewohnern wie dem Lager-Architekten oder auch Familien, die Flüchtlinge in ihren Häusern versteckten. Auf welch unterschiedliche Weise die kollektiv erlebte Unrechtszeit ihre Spuren eingegraben hat, deutet sich bei vielen Gesprächspartnern unterschwellig an: von der unbeugsamen Frohnatur aus Frankreich, einem Mann, der sein altes Lied auf der Mundharmonika spielt, bis zum früheren Häftling, der vom Krankenbett aus auf Kassette sprechend drastische Situationen im Lager bildhaft genau schildert. Zusammen mit Protagonisten wie dem ehemaligen Wehrmachtsoffizier, der stolz das Foto vom Händedruck mit Hitler zeigt, fügt sich ein verblüffender Mikrokosmos gegensätzlicher Per­spektiven und Rollen.
Die verlorene ZeitUm die Kraft verdrängter Erinnerungen geht es auch in dem Spielfilm „Die verlorene Zeit“ nach einer authentischen Liebesgeschichte, die ihren Anfang in einem polnischen KZ nimmt. Über heimliche Blicke verlieben sich hier eine Berliner Jüdin und ein polnischer Widerständler, doch nach einem geglückten Fluchtmanöver verliert sich das Paar aus den Augen. Jahrzehnte später entdeckt die mittlerweile in New Yorks Upper Class verwurzelte Berlinerin ein Lebenszeichen des tot geglaubten Geliebten. Wie die Erinnerungen zurückkommen und sich gleichzeitig ein Graben zur eigenen Familie öffnet, malt Regisseurin Anna Justice in ihrer schauspielernahen Inszenierung feinfühlig aus.
Deckname CorAn individuellen Widerstand erinnert der Dokumentarfilm „Deckname Cor“ über den Emdener Juden Max Windmüller, der in der NS-Zeit mehreren Hunderten Verfolgten zur Flucht aus Deutschland verhalf – bis er schließlich mit 25 Jahren selbst verhaftet und getötet wurde.
Filmemacher Eike Besuden fügt für sein Porträt gespielte Szenen, Archivfilme und Interviews zusammen. Einmal mehr sind es die authentischen Aussagen und Gesichter der betagten Zeitzeugen, die sich stärker einprägen, als es inszenierte Szenen vermögen.

Text: Ulrike Rechel

Verborgen in Schnuttenbach, Deutschland 2010; Regie: Thomas G. Majewski; 116 Minuten
tip-Bewertung: Sehenswert
Orte und Zeiten: „Verborgen in Schnuttenbach“ im Kino in Berlin

Die verlorene Zeit, Deutschland 2011; Regie: Anna Justice; Darsteller: Alice Dwyer (Hannah Silberstein), Dagmar Manzel (Hannah Levine, geb. Silberstein), Mateusz Damiecki (Tomasz Limanowski, jung); 111 Minuten; FSK 12
tip-Bewertung: Sehenswert
Orte und Zeiten: „Die verlorene Zeit“ im Kino in Berlin

Deckname Cor, Deutschland 2010; Regie: Eike Besuden; 90 Minuten; FSK k.A.
tip-Bewertung: Annehmbar
Orte und Zeiten: „Deckname Cor“ im Kino in Berlin

Alle Filme starten am 24. November im Kino

Foto „Verborgen in Schnuttenbach“: Thomas Majewski/Rathausarchiv Offingen (Bayern)

Foto „Die verlorene Zeit“: Tom Trambow / Movienet Film

Foto: „Deckname Cor“: Rieko Bordeaux / Pinguin Film

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