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Berlin-Film

Eine komplizierte Frau: „Lara“ des „Oh Boy“-Regisseurs Jan-Ole Gerster

Sieben Jahre nach seinem begeistert aufgenommenen Berlin-Film „Oh Boy“ legt Regisseur Jan-Ole Gerster mit „Lara“ seinen zweiten Spielfilm vor: das Porträt einer Frau, die an ihren eigenen Ansprüchen gescheitert ist

Corinna Harfouch, Foto: STUDIOCANAL / Frederic Batier

Es ist kein Tag wie jeder andere für Lara, eine Frau an der Schwelle zum Ruhestand. Sie wacht morgens auf, und für eine Weile könnte man den Eindruck gewinnen, sie habe es satt. Sie könnte jetzt ebenso gut aus dem Fenster springen, und das war es dann. Doch sie geht schließlich ganz normal aus dem Haus, und bald wird klar, dass am Abend ein wichtiges Ereignis auf dem Programm steht. Ein Konzert. Eine Uraufführung. Viktor, Laras Sohn, hat eine Komposition vollendet, sie soll nun der Öffentlichkeit präsentiert werden. Lara kauft die paar Karten, die noch übrig sind, und beginnt, sie an Menschen zu verschenken, denen sie an diesem Tag begegnet. Sie will wohl, dass das Konzert ein voller Erfolg wird. Aber will sie das wirklich?

„Lara“ ist der neue Film von Jan-Ole Gerster. Vor sieben Jahren hatte Gerster mit „Oh Boy“ einen großen, überraschenden Erfolg, einem Berlinfilm, der weltweit zu einem Imagefaktor wurde. Tom Schilling, der damals die Hauptrolle spielte, ist auch in „Lara“ wieder dabei, er spielt Viktor, seine Mutter Lara wird von Corinna Harfouch gespielt. Die erste Frage bei dem Interview in einem Hotel an der Warschauer Straße gilt aber dem Drehbuchautor. Wer ist Blaž Kutin? Wer ist der Mann, dem Gerster bei dem ja oft ein bisschen schwierigen, zweiten Film das Vertrauen schenkte?

Eine unbequeme Figur

„Den kennt man nicht. Blaž ist der talentierteste Drehbuchautor, den ich kenne, und er war bisher unverfilmt. Ich habe ihn gehoben wie einen Schatz. Er ist Slowene, wohnt seit zehn Jahren in Berlin, und wurde mir empfohlen. Ich bin nicht der schnellste Autor, deswegen habe ich nach einem Schreibpartner gesucht.“ Gerster verstand sich auf Anhieb gut mit Kutin, und bald rückte der auch mit einem Drehbuch heraus, das er schon lange in der Schublade hatte. Selbst Jeanne Moreau hatte sich dafür interessiert, realisiert wurde es aber nicht. Bis Gerster es las. „Nach dieser langen Phase nach ,Oh Boy‘ hat sich in dem Moment bei mir eine Anspannung gelöst. Sprache, Humor, Erzählstil – das fühlte sich alles sehr vertraut an.“

Der springende Punkt zwischen Lara und ihrem Sohn Viktor ist die Musik. Lara ist im Herzen auch Musikerin, hat aber ihre Karriere früh aufgegeben. Der Sohn löst nun das ein, was einmal ihre eigenen Träume waren. Das ist naturgemäß zwiespältig. Gerster dachte schon nach wenigen Seiten bei der Lektüre des Drehbuchs an Corinna Harfouch. Er hatte sie am Deutschen Theater vor einigen Jahren in „Die Möwe“ gesehen. Sie sagte dann auch rasch zu. „Ich glaube, Corinna mag es, sich für unbequeme Figuren stark zu machen. Es ist ein Film über eine komplizierte Frau. Ein Versuch, das Menschsein in allen seinen Facetten zu zeigen. Corinna sieht das als eine Herausforderung. Sie kommt vom Theater, Text ist für sie heilig, und da war schon im Drehbuch alles sehr gut ausgearbeitet. Das Buch bot ihr eine Grundlage, Schmerz und Enttäuschung unter Laras Handeln sichtbar zu machen.“

„Lara“ folgt der Hauptfigur durch einen Tag, an dem alles wie beiläufig aussieht, an dem es aber um die Grundlagen einer Existenz geht. Ein wichtiger Punkt ist die Musik bei der Uraufführung. Gerster musste sich da entscheiden: Schlägt er sich auf Viktors Seite, oder auf die von Lara? Steht der Sohn für gefällige Kunst und die Mutter für hohe Kunst? Das sind jedenfalls Deutungsmuster, die das Drehbuch anbietet. „Es war mir unbedingt wichtig, dass das nicht offensichtlich in die eine oder andere Richtung geht. Das sollte nicht eindeutig sein. Was Lara als eingängig bezeichnet, nennt jemand anderer mutig. Unser Komponist hat diese Herausforderung sportlich angenommen. Dann haben wir Tom auch involviert und zu dritt ein bisschen herumprobiert. Ein Absolutheitsanspruch in der Kunst ist in dieser Form vielleicht gar nicht mehr so gefragt. Heute kann man mit Mittelmäßigkeit ganz schön weit kommen.“

In „Oh Boy“ konnte man ein Porträt von Berlin nach der Wende sehen, der Stadt der Improvisation und einer gewissen melancholischen Leichtigkeit in den (damals) noch nicht so bürgerlichen Stadtteilen. Dieses Mal sieht man eine andere Stadt. „Ich hatte nach ,Oh Boy‘ den Eindruck, alles gezeigt zu haben, was ich von Berlin zeigen wollte. Im alten West-Berlin gab es dann doch noch viel für mich zu entdecken. Zu sehen, wie bei Rogacki die klassische Charlottenburgerin im Pelzmantel neben einem Taxifahrer nachmittags Backfisch mit Kartoffelsalat isst, finde ich großartig und als Berlinbild unterrepräsentiert. Hier bewegt sich Lara. Ich habe sie immer als Zaungast gesehen, eine piefige Beamtin, die gern teilnehmen würde, aber auch zu stolz ist, um sich auf Menschen einzulassen. Das Drehbuch hat keinen Berlin-Film verlangt, mein Interesse an motivischem Erzählen hat dann aber doch wieder einen daraus gemacht.“

Lara D 2019, 98 Min., R: Jan-Ole Gerster, D: Corinna Harfouch, Tom Schilling, André Jung, Volkmar Kleinert, Rainer Bock, Mala Emde, Start: 7.11.

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