Kino & Stream

Lars Kraume im Gespräch

Lars Kraume

tip Herr Kraume, was stand für Sie am Anfang Ihres Projekts?
Lars Kraume Dass ich Vater geworden bin – vor fünf Jahren wurde mein erster Sohn geboren. In dem Moment fing ich an, mir Gedanken zu machen: Wie wird sich unser Leben in den nächsten zehn Jahren entwickeln, wie wird die Welt aussehen, in der mein Sohn heranwächst? Dann kam ziemlich schnell der Gedanke, dass diese nahe Zukunft im Film ziemlich selten beschrieben wird. Wenn man sich realistisch mit unserer Zukunft beschäftigt, wird eher die komplexe und unlösbare Verquickung von vielen Problemen das Entscheidende sein – ein diffuser Brei von Bedrohungsszenarien. Relativ schnell hatte ich die Idee, das als Familienepos zu erzählen.

tip Auf die globale Krise antworten Ihre Figuren sehr unterschiedlich, auch mit dem Weg in die Gewalt.
Lars Kraume August und ich mögen die Figur gerne und hatten bestimmt nicht im Sinn, da nur einen bösen Antagonisten zu zeichnen, sondern waren immer der Meinung, dass der eigentlich ein Idealist und Träumer ist, der die Welt verändern will. Aus seiner Sicht gibt es eben manchmal größere Sachen als sich nur um eine Familie zu kümmern – und für ihn war das eben sein politischer Kampf. Wenn er am Ende sagt, jetzt hätte er Zeit, finden das alle zynisch und böse. Aber ich kann den Mann schon verstehen: Der hatte was Besseres zu tun, er wollte schließlich die Welt ändern.

tip Ihr Film macht in seiner Bilderwelt auch historische Rück­griffe, etwa auf den autofreien Sonntag.
Lars Kraume Seit dem Beginn der Debatte über Atomenergie und fossile Brennstoffe sind mittlerweile vierzig Jahre vergangen, erst jetzt wissen alle: Es muss ganz schnell gehen. Wenn ich jetzt mit Leuten über die Wirtschaftskrise rede, wird da mit einer Freude das Straucheln des Kapitalismus erwartet.

tip Man könnte in Laura, dieser Figur aus der bürgerlichen Mitte, die zum Anker des Films wird, auch leicht ein familiäres Heilsversprechen sehen.
Lars Kraume Ich bin der Meinung, dass das Modell der Kleinfamilie zu Unrecht so gedisst wird. Ich verstehe schon, dass wir in einer Zeit leben, in der wir wissen, dass Familien großenteils dysfunktional sind – das ist nicht an mir vorbeigegangen. Aber wenn ich mich in ärmeren Ländern der Welt umschaue, wo die Probleme existenzieller sind, dann sehe ich, dass Familien einfach ein wichtiges, auch ein wirtschaftliches Überlebensmodell sind. Und deshalb glaube ich, die Familie als Modell so in die Ecke zu stellen, kommt auch aus einer Sattheit. Wenn die Welt rauer wird, werden viele von unseren familiären Problemen kleiner. Trotz aller Dysfunktionalität bin ich ein großer Fan von Familie.

Interview: Frank Arnold

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Die kommenden Tage“ im Kino in Berlin

Mehr über Cookies erfahren