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Lars von Triers „Antichrist“

Antichrist
Die Gartenzwerge haben die Hosen heruntergelassen, die Zwergin entblößt ihre prallen Brüste. Zu viert stehen sie auf der Wiese vor Lars von Triers Büro im Kopenhagener Zentropa-Studiogelände (Fotos vom Gelände weiter unten in der Bildergalerie), berüchtigt dafür, von den Mitarbeitern bei Festen bepinkelt zu werden. Das sorgt noch im Nachhinein für denkwürdige Momente, wenn Stars wie Catherine Deneuve hier vorbeikommen und die Zwerge umarmen. Die Formlosigkeit ist Programm bei Zentropa, auch Kunst wird nie als hohe Veranstaltung gefeiert. Darauf pisst man hier wie auf die Zwerge. An der Trophäenwand in der Zentropa-Empfangshalle hängen die Festival-Preise wild durcheinander um einen ausgestopften Hecht herum, muss sich die verstaubte Goldene Palme von Cannes für „Dancer in the Dark“ den Platz mit Plastik-Colaflaschen teilen. „No Artistic Integrity Beyond This Point„, scherzt ein Schild, am WC wird für „Artist’s Shit“ geworben, hinter dem flachen Bürogebäude parkt von Triers Wohnmobil neben dem Panzer, den ihm sein Produzent vor Jahren zum Geburtstag geschenkt hat.

AntichristDer 53-jährige Lars von Trier ist überpünktlich an diesem Tag und wenigstens dem äußeren Anschein nach gut gelaunt. „Antichrist“ steht auf der Tür zum Interviewraum, daneben prangt größer „Chaos Reigns“ (Chaos herrscht), die prägnante Botschaft aus seinem Film, die ein sprechender Fuchs dem unglücklichen Helden zuraunt.
„Er“ (Willem Dafoe) und „Sie“ (Charlotte Gainsbourg) sind die Protagonisten von „Antichrist“ – und die einzigen Erwachsenen, deren Gesichter im Film nicht digital verwischt wurden, er ist Psychologe, sie Historikerin mit gescheitertem Dissertationsprojekt über Hexenverfolgung und Misogynie. Die beiden trauern um den Tod ihres zweijährigen Sohnes, der zu Filmbeginn aus dem Fenster stürzt, während die Eltern unter der Dusche vögeln. „Was gab’s noch nicht in Cannes? Ficken!?“, fragte von Trier vor der Premiere, um dann die Penetration in Großaufnahme und Superzeitlupe ins Bild zu setzen, elegant und gelackt wie den tiefen Fall des Kindes. Das ist bloß das Entrйe, und Lars von Trier will sich stets gerne steigern. Also gibt es in „Antichrist“ später noch Sex im Wald, Hodenzerschmetterung, eine Gewindestange im Bein des Mannes, an der ein Schleifstein klemmt, ein Close-up der Frau, die ihr Genital mit der Schere verstümmelt, Brandopfer und Hexeninvasion. Das ist natürlich spekulativ, aber zugleich auch mehr als das. „Antichrist“ lässt sich als blutiger Horrorfilm über einen Therapeuten betrachten, der seine Frau mit einer Konfrontationstherapie in einer einsamen Hütte im Wald von ihren Ängsten und Depressionen befreien will. Aber noch reizvoller ist es, „Antichrist“ als editation über psychische Abwehrmechanismen, über Übertragung und Gegenübertragung und das schwierige Ringen um Ambivalenz zu lesen, das im Zentrum jeder Analyse steht.

Antichrist
Gewidmet hat der bei Drehbeginn schwer depressive, sein Leben lang von Ängsten aller Art geplagte von Trier seinen „Antichrist“ ausgerechnet dem russischen Regisseur Andrej Tarkowskij, und tatsächlich steht alles in einem kuriosen Dialog mit der Bilderwelt von „Der Spiegel“ (1975): die animistische Naturinszenierung, die mythische Hütte, die Slow-Motion-Regentropfen, die unberechenbaren Tiere, der Wechsel von Schwarz-Weiß und Farbe, die Pointierung durch klassische Musik, die Verwandlung von physischer Landschaft in eine mentale Landschaft, in eine meditative Reise, die zugleich schläfrige Erinnerung und Erzählung vom Erwachen des Bewusstseins ist. All das findet sich auch in „Antichrist“ wieder, in einer Mischung aus verschmitztem Unernst und spürbarem Mitgefühl für die von Charlotte Gainsbourg (Darstellerpreis in Cannes) so schonungslos gespielte Heldin. Sie hat keine Lust mehr, Opfer zu sein: Aggression statt Depression ist ihre Wahl.

Text: Robert Weixlbaumer

Fotos der Bildergalerie: Robert Weixlbaumer

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Antichrist“ im Kino in Berlin

Antichrist, Dänemark/Deutschland 2009; Regie: Lars von Trier; Darsteller: Charlotte Gainsbourg (Sie), Willem Dafoe (Er); Farbe, 108 Minuten

Kinostart: 10. September

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