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„Le premier venu“ im Kino

Le Premier Venu

Eine Handvoll Personen in einer Kleinstadt am Meer. Camille, eine junge, zwischen kindlicher Verschlossenheit und herausforderndem Stolz pendelnde Frau, taucht dort unvermittelt mit dem Zug aus Paris auf. Sie will mit dem Erstbesten schlafen, der Zufall ist Programm, und gerät so an einen unverbesserlichen Taugenichts (mit, wie sich bald erweist, Frau und Kind, denen er aus dem Weg geht). Er ist der, der Camille als Erster über den Weg lief: „Le premier venu“. Während der folgenden vier Tage beharrt sie störrisch und gegen jedweden Realitätssinn auf den Konsequenzen ihrer dezidiert zufälligen Wahl. Dabei fällt sie einem jungen Dorfpolizisten auf, der sich sowohl als amouröser Bewerber wie auch als Agent von Kompromissen zwischen sie und ihr sich ständig entziehendes Liebesobjekt stellt.
Jacques Doillons Film entwickelt aus dieser asymmetrischen Konstellation ein seltsam bewegliches Beziehungsdreieck; in dessen Mittelpunkt komplizierte, niemals eindeutige und ständig außer Kontrolle geratende Gefühlslagen stehen. „Le premier venu“ ist ein Kammerspiel an der frischen Luft, von der Kamerafrau Hйlиne Louvart in dynamischen, oft nahen Einstellungen mit der Handkamera aufgenommen. Die Inszenierung ist an den Bewegungen der spannend anzuschauenden, unverbrauchten Darsteller orientiert, die – fasziniert zwischen Anziehung und Abstoßung – einander oft fast tänzerisch umkreisen. Beim Zuschauer entsteht so eine intime Vertrautheit mit den Gesten, Blicken, Umgangs- und Bewegungsformen der Figuren, ohne dass sie damit psychologisch eindeutig fassbar werden. „Le premier venu“ gerät Doillon zu einer offenen und erstaunlich entspannten Skizze über Liebe und Objektwahl. Dass dabei die unvermittelt gesetzten Spannungspunkte um Erpressung, Raub und Flucht bisweilen hapern, stört den improvisiert wirkenden Film kaum. Denn mehr als ein konsistenter Plot steht die für Doillon typische Sensibilität für den Eigensinn seiner selbstbezüglichen Charaktere im Mittelpunkt. Ihre Handlungen müssen nicht folgerichtig sein. Sie erscheinen wie Mutproben der Figuren gegenüber sich selbst.

Text: Michael Baute

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Le premier venu“ im Kino in Berlin

Le premier venu, Frankreich/Belgien 2008; Regie: Jacques Doillon; Darsteller: Clйmentine Beaugrand (Camille), Gйrald Thomassin (Costa), Guillaume Saurrel (Cyril); 121 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 3. Februar

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