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„Le Weekend“ im Kino

Le Weekend

Diese Ehe ist am Ende: Nörgeleien, Streitigkeiten und die abschätzigen Blicke, die sie ihm zuwirft, kennzeichnen das ältere britische Paar, das im Eurostar nach Paris braust, um den 30. Hochzeitstag zu feiern. Das gebuchte Hotel, in dem sie einst ihre Flitterwochen verbrachten, entspricht nicht ihren Erinnerungen, spontan hält Meg vor einem Luxushotel, wo ihnen schließlich zu einem Sonderpreis eine Suite offeriert wird, in der auch schon Tony Blair übernachtet hat. „Ich hoffe, Sie haben die Bettlaken gewechselt“, kommentiert Nick das trocken.
„Le Weekend“ markiert die vierte Zusammenarbeit von Regisseur Roger Michell („Notting Hill“) und dem Autor Hanif Kureishi. Michell hat „Le Weekend“ als Hommage an die frühen Filme der Nouvelle Vague in Szene gesetzt, mit einer großen Leichtigkeit, unterstützt von einer entspannten, jazzgeprägten Filmmusik (und zwei der melancholischen Songs von Nick Drake). Die Zuschauer setzt er einem Wechselbad der Gefühle aus, zwischen Nicks Bettelei um ein bisschen Sex und Megs schroffen Zurückweisungen einerseits, zwischen seinen sarkastischen Bemerkungen und ihrem spontan-impulsiven Handeln andererseits. Dass immer noch ein starkes Band zwischen ihnen besteht, begreift man, bevor es gegen Ende explizit ausgesprochen wird, bei einer Dinnerparty, zu der die beiden von dem Amerikaner Morgan eingeladen werden, einem Studienfreund Nicks, der sein komplettes Gegenteil verkörpert: erfolgreich in jeder Hinsicht und gleichzeitig wissend, dass er seinen Ruhm eigentlich nicht verdient hat. Jeff Goldblum vermag in dieser Rolle, einen ähnlichen Wechsel zwischen Sympathie und Antipathie auszulösen, wie Jim Broadbent („Another Year“) und Lindsay Duncan in den Hauptrollen.
Kureishis Dialoge mögen manchmal vielleicht etwas zu pointiert sein, zumal in der englischen Originalfassung, in der sie mit mehr Nachdruck gesprochen werden, aber der Film beansprucht nicht, naturalistisch zu sein, sondern hat durchaus märchenhafte Züge – selbst in Frankreich wird man tagsüber keine alten Schwarz-Weiß-Filme von Godard im Fernsehen zeigen und ein Musikstück daraus nicht so leicht in der Jukebox der Eckkneipe finden. Gerade diese Mischung aus Alltagsrealismus und Überhöhung macht die besondere Qualität dieses kleinen, großen Films aus.

Text: Frank Arnold

Foto: 2013 PROKINO Filmverleih GmbH

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Le Weekend“ im Kino in Berlin

Le Weekend, ?Großbritannien/Frankreich 2012; Regie: Roger Michell; Darsteller: Jim Broadbent (Nick), Lindsay Duncan (Meg), Kirsty Oswald (Trish); 93 Minuten; FSK k. A.

Kinostart: 30. Januar

Lesen Sie hier: Ein Interview mit Regisseur Roger Michell

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