• Kino & Stream
  • Lebendige Erinnerung im Kino: „Die Strände von Agnиs“

Kino & Stream

Lebendige Erinnerung im Kino: „Die Strände von Agnиs“

Die Fenster ihres Schneideraums führen direkt auf die Straße, in der sie seit mehr als einem halben Jahrhundert wohnt, die Rue Daguerre im 14. Arrondissement in Paris. Gleich nebenan liegen die Schaufenster ihres Ladens, in dem man DVDs mit ihren Filmen oder denen ihres 1990 verstorbenen Mannes Jacques Demy kaufen kann. Nachbarn und interessierte Passanten sind jeder­zeit eingeladen, hereinzukommen. Selbst wenn Agnиs Varda in die Arbeit vertieft ist, bleibt sie zugänglich. Ihrer eigenen Neugierde mochte die Regisseurin niemals Grenzen setzen – warum sollte sie die ihres Publikums entmutigen? Gern bietet sie ihre Filme zum Kauf an, „wie ein Bauer, der die Früchte seiner Arbeit auf den Markt bringt“, sagt sie selbst. Dass auch ihre Filme derart einladend sind, kann man nun in ihrem neuesten Werk entdecken: Sie verraten den Wunsch nach einer individuellen Zwiesprache mit dem Zuschauer.
In „Die Strände der Agnиs“ legt sie mit bescheidener, auch wehmütiger Entschlossenheit darüber Rechenschaft ab, wie sich ihr Leben als Filmemacherin zugetragen hat. Ihre Bekenntnisse sind von diskreter Vertraulichkeit, ihre Erinnerung ist überaus lebendig. Der Vergänglichkeit setzt sie massiven Widerstand entgegen. Er erschöpft sich nicht in der Nostalgie. Es sind stets Bilder aus der Gegenwart, die sie in die Vergangenheit zurück­führen. Dabei folgt sie einem vornehmen Lustprinzip, das sie Bilder auswählen lässt, an denen sie Freude hat und die ihr Kino nicht heimsuchen, sondern schmücken. Dieses Selbstporträt möchte die Welt widerspiegeln, hegt die bange, anmaßende Hoffnung, auch von den Anderen zu sprechen, wenn es von sich spricht.
„Ich spiele eine kleine Alte, etwas rundlich und schwatzhaft, die ihr Leben erzählt“, sagt sie zu Beginn und beansprucht damit das Anrecht, dem eigenen Leben auch auf dem Terrain der Fiktion nachspüren zu dürfen. Tatsächlich schillert der Film zwischen den Genres, entfaltet sich im leichtfüßigen Wechsel des Tonfalls und der Gattungen. Wie in ihren bisherigen Spielfilmen, Dokumentationen und ironischen, anspielungsreichen Essayfilmen betreibt diese Schatzsucherin Feldforschung in einer zeichenhaften Welt.
Das Erzählprinzip knüpft an „Die Sammler und die Sammlerin“ an – Strände sind schließlich Orte, an denen wundersame Dinge angeschwemmt oder zurückgelassen werden. Sie sind zeitlos, altern nicht, sagt Varda einmal. „Die Strände von Agnиs“ gemahnt daran, welch enges Bündnis ihr Kino mit den Schauplätzen eingeht. Wie tief die Resonanz ist, die sie zwischen den Orten und der Seelenlage ihrer Figuren herstellt, zeigen schon ihr Kurzfilm „L’Opйra-Mouffe“ (1958), wo sie den Markt in der Rue Mouffetard mit dem empfindsamen Blick einer Schwan­geren betrachtet, und „Mittwoch zwischen 5 und 7“ (1961), der in Realzeit das bange Flanieren einer Sängerin durch Paris zeigt, die auf das Ergebnis einer Krebsuntersuchung wartet. Der Titel ihres neuen Films kündigt an, dass sie ihr Projekt der filmischen Besitznahme der Welt noch längst nicht aufgegeben hat.

Text: Gerhard Midding

Foto: Cine Tamaris

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Die Strände der Agnиs“ im Kino in Berlin

Die Strände der Agnиs (Les plages d’Agnиs), Frankreich 2007; Regie: Agnиs Varda; mit: Agnиs Varda; Farbe, 110 Minuten

Kinostart: 10. September

Mehr über Cookies erfahren