Kino & Stream

Leon Bridges: Coming Home

Leon Bridges: Coming Home

Der 25-jährige Newcomer aus Fort Worth, Texas, hat eine fabelhafte Stimme, und indem er sich im Vintage-Stil mit Taillenhosen und Seidenhemden präsentiert, zeigt er, dass er durchaus weiß, in was für einer Tradition er sich bewegt. Das Titelstück seines Debüts ist nach anhaltender Netzkarriere für immer im Mainstream-Radio angekommen, andere zünden weniger, sind aber respektabel. Und seine (weiße) Band, u. a. eigentlich als Alternative-Rocker White Denim unterwegs, liefert einen Old-School-R-&-B, ähnlich wie Curtis Harding, Raphael Saadiq oder die Daptone-Künstler, und gibt dem Album trotz großen Budgets einen Indie-Charakter.
Die Ambition liegt hier in der Reproduktion eines Stils, der in Wahrheit einst eine Revolution war. Als sich die erste Generation aus Kirche und Blues musikalisch aufmachte, gegen massive Widerstände („devil’s music“) zu kämpfen hatte und noch vor den Beatles den Pop definierte, wurden rundum und weltweit die Herzen mit Soul-Musik erobert.
Bei Leon Bridges und der ganzen Retro-Soul-Welle schwingt die Hoffnung mit, all der goldkettenrasselnde, frauenverachtende, tiefengehärtete, melodienferne Macho-Gangsta-Rap möge für immer von der Bildfläche verschwinden. Denn der zeitgemäße, durchaus anspruchsvolle, komplexe, digital geprägte Neo-Soul einer Erykah Badu, eines D’Angelo oder Kendrick Lamar kann dem ganz offenbar starken Bedürfnis nach deepem S-O-U-L nicht nachkommen. Leon Bridges ist jung und ein bisschen naiv, aber er trifft einen Nerv: zumindest beim weißen Publikum.

Text: Christine Heise

Leon Bridges, Coming Home (Columbia/Sony)

Mehr über Cookies erfahren