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„Les Salauds – Die Dreckskerle“ im Kino

Les Salauds - Die Dreckskerle

Vor seiner Premiere in Cannes zog dieser Film die höchsten Erwartungen auf sich (auch deswegen, weil er als Reaktion auf die Sexaffären von Dominique Strauss-Kahn verstanden wurde) und hinterließ danach die niederschmetterndste Enttäuschung. Bei der Kritik stieß er auf beinahe einhellige Ablehnung. Sie warf ihm vor, konfus konstruiert und gar frauenfeindlich zu sein. Das war nicht nur ein Missverständnis. In „Dreckskerle“ erzählt Claire Denis, die mutige Freischärlerin des französischen Films, eine komplizierte Rachegeschichte. Nachdem sein Schwager Selbstmord begangen hat, das Familienunternehmen Konkurs anmelden musste und seine Nichte (Lola Crйton) nachts traumatisiert auf der Straße aufgefunden wurde, folgt der Hochseetankerkapitän Marco Silvestri (Vincent Lindon) dem Hilferuf seiner Schwester.
Der Schuldige scheint rasch ausgemacht: Laporte (Michel Subor), der Geschäftspartner des Schwagers. Um ihn zur Rechenschaft zu ziehen, mietet Silvestri eine Wohnung in dem Haus, in dem dessen Mätresse Raphaëlle (Chiara Mastroianni) mit ihrem Sohn lebt. Marco beginnt eine Liebesaffäre mit ihr (es bleibt unklar, ob aus echter Leidenschaft oder Kalkül) und gerät bei seinen Nachforschungen an menschliche Abgründe, die seine Vorstellungskraft übersteigen. Hatte dabei wirklich jemand erwartet, Claire Denis würde mehr als nur den Steinbruch eines Thriller-Plots liefern? Schließlich hat sie stets eine durchaus hochmütige Nonchalance bewiesen im Umgang mit dramaturgischen Konventionen wie Logik und Motivation.
Ihre Stärke sind die affektiven Momente, die sie zwischen den Fragmenten einer Handlung birgt. „Dreckskerle“ nährt nun den Verdacht, die Verweigerung einer soliden Dramaturgie sei keine stolze Entscheidung, sondern chronischem erzählerischem Unvermögen geschuldet.
Weit verblüffender ist jedoch, dass Denis, sonst eine versierte Choreografin des Begehrens, derart Schiffbruch erleben sollte bei der Darstellung weiblicher Sexualität. Sie entwirft Opferbilder ohne psychologische Umsicht, flüchtet sich in namenlose Ambivalenz.
Es hilft, die Düsternis ihres Films als eine mythische Konstruktion zu begreifen. In der Zeichnung ihres Helden folgt Denis einer Idee von selbstverständlicher Männlichkeit, die auf sympathische Weise aus der Zeit fällt. Sie ist nicht falsch, ist keine Kinolüge, auch wenn sie an den Verhältnissen scheitert. Denis nähert sich der Wortkargheit Marcos mit der ihr eigenen Sanftheit; die Sorgfalt, mit der Vincent Lindon bei seinem ersten Auftritt alltägliche Gesten verrichtet, kündet von seiner Tatkraft und Verlässlichkeit. Den Originaltitel und Plot ihres Films hat die Regisseurin Akira Kurosawas „Die Bösen schlafen gut“ von 1960 entlehnt; nicht nur der atmosphärische Spagat zwischen Realität und Albtraum, zu dem sie ihre Kamerafrau Agnиs Godard animiert hat, zeigt, wie weit seither die Vorstellung heroischer Vergeltung entrückt ist.

Text: Gerhard Midding

Foto: Wild Bunch

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Les Salauds – Die Dreckskerle“ im Kino in Berlin

Les Salauds  – Die Dreckskerle (Les salauds), ?Frankreich/Deutschland 2013; Regie: Claire Denis; Darsteller: Vincent Lindon (Marco ?Silvestri), Chiara Mastroianni (Raphaelle), Michel Subor (Laporte); 100 Minuten; ?FSK k.?A.

Kinostart: 26. Dezember

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