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„Let\s Misbehave – Hollywood vor dem Hays Code 1930-1934

Trouble in Paradise

Es gibt Perioden in der Filmgeschichte, die nur ein kurzes Aufflackern sind. In den Hollywoodfilmen der frühen 1930er-Jahre herrschten mit einem Mal Anarchie und Sittenlosigkeit. Die Machenschaften von Sensationsreportern, Winkeladvokaten, Gangstern und Goldgräberinnen mussten plötzlich nicht mehr bestraft werden. Huren mussten nicht mal ein goldenes Herz haben, um sympathisch zu sein.
Für eine kurze Spanne, vom Durchbruch des Tonfilms bis 1934, ging Hollywood unbekümmert auf die Jagd nach den Sensationen, Gewalt und Sex. Wie ergiebig sie war, zeigt nun eine groß angelegte Retrospektive im Arsenal. Ihren Titel hat sie nicht dem Kino entnommen, sondern Cole Porters Hymne auf den Hedonismus aus dem Jahre 1927. Das Lebensgefühl des leichtsinnigen Jazz Age hielt mit ein paar Jahren Verspätung Einzug ins Kino und kollidierte mit der Verzweiflung der Depressionsära. Die Filme spiegeln dieses Zeitklima wider, indem sie eine eigene Ästhetik der Freizügigkeit formulierten. Ihr Tempo ist atemlos (selten dauern sie länger als 80 Minuten), sie sind rissig und rauschhaft erzählt, Abblenden brechen mitunter mitten in Dialogzeilen ein, in rasanten Montagesequenzen wird die Handlung dynamisch gerafft. Waghalsige Ellipsen fungieren als Short Cuts der Fantasie; Regisseure wie Ernst Lubitsch vertrauten auf die Weltläufigkeit ihres Publikums. Ein verschollenes Kino der frech schweifenden Blicke ist zu entdecken, in dem ein Kuss auch mal so leidenschaftlich sein durfte, dass sich die Liebenden auf die Lippen bissen. Der Choreograf Busby Berkeley entwarf in seinen Musicals Kaleidoskope der Schlüpfrigkeit. Freilich erschöpfte sich das Pre-Code-Kino nicht in launiger Respektlosigkeit. Es warf Schlaglichter auf die pathologische Seite der Sexualität. Von Abtreibung, Inzest und Vergewaltigung wurde nicht nur in verschwiegenen Andeutungen erzählt.
The Public EnemyDie ruchlose, vergnügliche Tabuverletzung im Namen von Unterhaltung und Profit brachte einen eigenen Schauspielstil hervor. Erstaunlich, welches Spektrum moralischer Schattierungen zwischen Anzüglichkeit und Verworfenheit den Darstellern zu Gebote stand. Der windige, wenngleich nie vollends skrupellose Depressionsgewinnler James Cagney war die ideale Verkörperung des Stils; dicht gefolgt von Barbara Stanwyck, in deren Stimme Geschäftssinn und Verlockung lasziv verschmolzen, sowie dem heute unbekannten Warren William, der die Belästigung am Arbeitsplatz als schöne Kunst betrachtete.
Ein Großteil der Filme spielt in den hektisch gewachsenen Großstädten, regelmäßig schwenkt die Kamera an Wolkenkratzerfassaden empor und unterstreicht so den Ehrgeiz, um jeden Preis Karriere zu machen. In „Baby Face“ schläft sich Stanwyck reuelos nach oben und beherzigt dabei den Rat eines Verehrers, Nietzsche zu lesen. Zumal die Produktionen von Warner Brothers reagierten unmittelbar auf die Zeitströmungen, entnahmen ihre Stoffe geradewegs den Schlagzeilen. William Wellman inszenierte während der Depressionszeit Dramen fortgesetzter sozialer Degradierung wie „Wild Boys of the Road“ und „Heroes for Sale“, in denen die sprichwörtliche amerikanische Mobilität eher als Verdammnis denn Chance erscheint. Oft finden die Pre-Code-Filme fortschrittliche Lösungen für die bedrängenden sozialen Probleme. Es werden Kooperativen gebildet und mit einem Mal werden Streiks als legitime Mittel des Arbeitskampfes kinofähig. Den Mythos der Individualität stellt die grimmige Inszenierung von Massenszenen nachhaltig infrage; nie wieder sollte man danach auf der Leinwand so lange Arbeitslosenschlangen sehen.

Text: Gerhard Midding

Fotos: Quelle: Arsenal – Institut für Film und Videokunst

Retrospektive: Let’s Misbehave – Hollywood vor dem Hays-Code 1930–1934, Do 19. Juni bis Do 31. Juli im Kino Arsenal

www.arsenal-berlin.de

Der Hays-Code
Bereits in den 1920er-Jahren, als Sex- und Drogenskandale Hollywood erschütterten, wurde der Ruf nach einer sauberen Leinwand laut. Der ehemalige Postminister Will Hays propagierte eine bundesweit gültige Selbstkontrolle und erarbeitete 1930 mit Vertretern der katholischen Kirche einen Leitfaden, der u. a. die züchtige Darstellung der Geschlechterbeziehungen garantierte, die respektvolle Behandlung religiöser und patriotischer Gefühle vorschrieb und die Verherrlichung des Verbrechens untersagte.
Als verbindlich akzeptierten die Studios den Moralkodex erst 1934, als die Drohung eines katholischen Kinoboykotts die Traumfabrik lahmlegte. Seine Umsetzung war erschütternd kleinlich – Küsse durften nicht länger als drei Sekunden dauern, der Abstand zwischen Ehebetten wurde mit dem Zentimetermaß festgelegt – , aber gültig war er bis in die 1960er-Jahre.

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