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„Leviathan“ im Kino

Leviathan

Es gibt verschiedene Berichte vom Anfang der Welt. Die einen sagen, sie wäre aus dem Nichts entstanden. Andere wiederum erzählen von einer Welt, die aus dem Chaos kommt. Tohuwabohu ist der biblische Begriff dafür. Die beiden amerikanischen Dokumentaristen Lucien Castaing-Taylor und Vйrйna Paravel folgen offensichtlich der zweiten Theorie. Ihr Film „Leviathan“ beginnt mit einem Zitat aus dem Buch Hiob, und dann folgt ein Schöpfungsakt mit Kamera und Mikrofon. Aus dem nächtlichen Brodeln eines wilden Meeres taucht da nur ganz allmählich so etwas wie ein erkennbares Geschehen auf.
Wir befinden uns, so wird schließlich klar, auf einem Fischerboot. Es ist ein amerikanischer Kutter vor der Küste von Massachusetts, kein ganz großes, industrielles Fischereischiff, aber auch kein kleines, familiäres Boot. Hier wird gearbeitet, und zwar hart und monoton. Netze raus, Netze rein, Fische raus, Fische rein in riesige Behälter. Die Fische werden auch gleich verarbeitet, von Hand, und so ist das auch ein riesiges, glitschiges Schlachten. Gelegentlich bekommen wir sogar einen Blick in die Mannschaftsräume, da sehen wir dann einen Mann, der gerade Pause hat. Doch zumeist ist „Leviathan“ draußen auf Deck, oder sogar noch weiter draußen: auf dem Meer, unter der Meeresoberfläche, zwischen den Lebensbereichen der Menschen und der Tiere.
Mit dem Titel ihres Films setzen Castaing-Taylor und Paravel ein deutliches, mythologisches Zeichen. Denn der Leviathan ist eben auch eine Gestalt aus der Bibel, ein Ungeheuer, das dem Staatstheoretiker Thomas Hobbes zur großen Metapher auf die menschliche Gesellschaft wurde. Dieser zweite Aspekt interessiert hier weniger, es ist das archaische Element, das im Mittelpunkt steht, und das mit modernen technischen Mitteln erzeugt wird. Denn „Leviathan“ wurde mit kleinen, wasserdichten Digitalkameras gedreht, die eine tatsächlich ungeheure Unmittelbarkeit erlauben. Wir befinden uns geradezu auf Augenhöhe mit den Kreaturen, wir tauchen immer wieder tief in die Fluten, und die beeindruckende Nachbearbeitung der Tonspur schafft einen Eindruck, als würde der ganze Erdball ächzen, während das Fischerboot wie eine Nussschale darauf herumgeworfen wird. „Leviathan“ ist also zugleich extreme Natur und extrem künstlich, ein Dokumentarfilm, der wie ein Elementargedicht erscheinen möchte.
Das „Sensory Ethnography Lab“ an der Harvard-Universität, an dem die beiden Filmemacher arbeiten, scheint eine Experimentierstätte zu sein, an der das herkömmliche Direct Cinema in neue Richtungen sensorischer und erzählerischer Steigerung hin entwickelt wird. „Leviathan“ steht für einen Trend, den man eigentlich bisher von der Mainstream-Industrie kannte, und der hier „unabhängig“ neu definiert wird: ein Kino, das uns maximal beansprucht. Eine höchst spannende Erfahrung.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Arsenal – Institut für Film und Videokunst

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Leviathan“ im Kino in Berlin

Leviathan, Großbritannien/USA/Frankreich 2012; Regie: Lucien Castaing-Taylor, Vйrйna Paravel; 87 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 23. Mai

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