Science Fiction

„Life“ im Kino

Kaum hat der Wissenschaftler auf der ­internationalen Raumstation verkündet, dass die neue Lebensform, die er in einer Bodenprobe vom Mars entdeckt hat, bestimmt helfen werde, mehr über den ­Ursprung des Lebens zu erfahren, da wird ­bereits klar, dass diese Äußerung in die Kategorie „berühmte letzte Worte“ fällt.

Foto: Sony Pictures Releasing GmbH 2017

Denn das Wesen, das, mit Sauerstoff und Glukose ­genährt, schnell heranwächst, nimmt statt des Fingers, der ihm spielerisch zur Kontaktaufnahme hingehalten wird, lieber gleich den ganzen Arm und bricht aus dem Labor aus: Es ist stark, intelligent und – wie sich bald herausstellt – äußerst strapazier­fähig. Nicht totzukriegen gewissermaßen, was man von der Besatzung der Raumstation nicht zwingend behaupten kann.
Von seiner Struktur her ist „Life“ ein ­purer Genrefilm: In dem begrenzten, abgeschlossenen Raum der Station ist eine ebenso ­überschaubare Anzahl von Menschen einer ­tödlichen Gefahr ausgesetzt – wie die Horrorteenies in der Waldhütte. Das Monster, mittlerweile auf den Namen Calvin getauft, meuchelt dabei ausgesprochen demokratisch, ihm ist die ausgewogene Zusammensetzung verschiedener Nationalitäten, Ethnien und Geschlechter, mit der sich der Film so viel Mühe gibt, herzlich egal. Wichtig ist nur das Gesetz des Genres: die Unwichtigen zuerst, bis am Ende die Stars (Jake Gyllenhaal, ­Rebecca Ferguson) in nahezu auswegloser Situation übrigbleiben.
Genrebedingt dumm
Auf dem Weg dorthin spielt der Film des schwedischen Regisseurs Daniel Espinosa („Safe House“, „Kind 44“) die klassischen Schreckensszenarien des Horrorfilms durch: Schock durch Überrumpelung, wenn Calvin überraschend aus dunklen Rohrsystemen springt. Szenen planloser Panik, die das ­zerrüttete Nervenkostüm der Besatzung ­widerspiegeln. Und ein an unseren Urängsten rührender Glibber-Horror, wenn das wie eine Kreuzung aus Seestern und degeneriertem Tintenfisch aussehende Monster die Münder seiner Opfer penetriert, um sie von innen aufzufressen. Wichtig ist dabei auch immer die genrebedingte Dummheit der Protagonisten: Man kann den Leuten noch so oft sagen, dass sie nicht allein in den dunklen Keller gehen sollen – sie tun es trotzdem.
Denn Horror und Science Fiction leben von der dem Menschen innewohnenden Neugier: Was machbar ist, wird auch gemacht. Über etwaige Konsequenzen kann man später nachdenken. Dabei führen diese Genres uns stets auch unsere Hybris vor Augen: Irgendwie bekommen wir das schon alles in den Griff, denken wir. Nein, sagen Horror und Science Fiction dann als Ausdruck unseres Unterbewusstseins, werdet ihr nicht.
Was Regisseur Espinosa in seinem Film vorschwebt, ist die große Konfrontation eines komplett skrupellosen Wesens mit Menschen, die zu Wohl oder Wehe ihrer Kollegen oder ihrer selbst unentwegt moralische Entscheidungen treffen müssen und dabei den ­Kürzeren ziehen. Dabei kommt es zu einem absurden symbolischen Tauziehen im All: Das Monster zerrt von links, die Menschen von rechts – das Opfer in der Mitte dagegen bleibt hilflos.
Der philosophische Mehrwert von „Life“ hält sich in Grenzen, und auch sonst kommt der Film nur mühsam in die Gänge. Dem Monsterfreund dürfte das alles zu wenig actionreich sein, dem Fan moralischer Dramen hingegen zu banal. Auch schauspielerische Höchstleistungen gibt es nicht zu vermelden, da haben es Genres, in den Leute in Raumanzügen herumschweben, auf Knöpfe drücken und Dialogsätze à la „Copy, Captain!“ zum Besten geben, traditionell schwer. Immerhin löst „Life“ dann doch das Rätsel um den Sinn des Lebens: Der besteht nämlich darin, dass das Leben einfach leben will. Wer hätte das gedacht.

Life USA 2017,  103 Min., R: Daniel Espinosa, D: Jake Gyllenhaal, Rebecca Ferguson, Ryan Reynolds, Hiroyuki Sanada, Start: 23.3.

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