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„The Limits Of Control“ von Jim Jarmusch

Immer wieder geht der geheimnisvolle Mann ins Museum und schaut sich ein Kunstwerk an. Immer nur eines. Und wenn er es lange genug angesehen hat und den Saal, in dem es hängt, wieder verlässt, bleibt der Blick der Kamera an einem anderen Kunstwerk hängen. Einem, das sich ge­genüber oder daneben befindet oder das im Hintergrund die ganze Zeit über präsent war. Lange genug verharrt dieser Kamera­blick, um klarzumachen, dass er nicht zufällig ist. Und es stellt sich die Frage, warum der Mann sich nicht dieses Werk angesehen hat. Warum das andere?
Warum so? Und warum nicht anders? Wie hängt das, worauf sich die Aufmerksamkeit richtet, mit dem zusammen, was unbeachtet bleibt? Wie verhält sich das Positiv zum Negativ? Das Denkba­re zum Faktischen? Das Vorherrschende zum Randständigen?
Das sind einige der Fragen, die die Museumsbesuche dieses namenlosen Einzelgängers aufwerfen, der im Zuge eines rätselhaften Auftrags in Südspanien unterwegs ist. Es sind Fragen, die sich ohne Weiteres in Richtung einer fundamentalen Systemkritik erweitern lassen. Denn Jim Jarmusch, noch nie ein Freund irreführender Filmtitel, beschäftigt sich in dem ganz und gar erstaunlichen „The Limits of Control“ genau damit. Er lotet die Grenzen der Kontrolle aus, indem er das Potenzial von Kontrollverlust demonstriert. Sinnvol­lerweise fängt er damit beim Zuschauer an.
Von der ersten Szene an – in der eine gesprochene Aussage zum einen untertitelt und zum anderen übersetzt und damit letztlich drei Mal gemacht wird, ohne jemals genau dieselbe zu sein – bremst Jarmusch das auf überhöhte Geschwindigkeit geeichte Kinopublikum aus. Auf den verlangsamenden Beginn folgen Variationen des Immergleichen: Der Mann bewegt sich durch den Raum, er trinkt Espresso, er trifft Männer und Frauen, die ihn an ihren Gedanken über Kunst und Wissenschaft teilhaben lassen, er tauscht mit ihnen verschlüsselte Botschaften in Streichholzschach­teln aus, er bewegt sich weiter durch den Raum.
Der Zuschauer schaut zu und hat weiter nichts zu tun, als eine Position zum Geschehen zu finden. Begreift er den Beinahestillstand, der hier geradezu zelebriert wird, als Zumutung oder als Chance? Und wenn er ihn als Chance begreift, verfällt er dann der Schönheit seiner Oberfläche und versinkt in einer Textur aus Farbe und Musik, die Jarmuschs Cutter Jay Rabinowitz aus den Kamerabildern von Christopher Doyle und der Musik von Boris und Sunn O))) montiert? Oder erkennt er in der Geschichte eine symbolische Ebene und versucht, dieser auf den Grund zu gehen? …

Text: Alexandra Seitz
Foto: Teresa Isasi

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „The Limits Of Control“ in Berlin im Kino

The Limits of Control, USA 2009; Regie: Jim Jarmusch; Darsteller: Isaach De Bankolй (Fremder), Tilda Swinton (Blonde), Gael Garcнa
Bernal (Mexikaner), Paz de la Huerta (Nackte), John Hurt (Gitarre), Hiam Abbass (Fahrerin), Bill Murray (Amerikaner); Farbe, 117 Minuten

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