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Lisa Batiashvili im Konzerthaus Berlin

Lisa Batiashvili

Die Botschaft von Lisa Batiashvili ist ganz klar: Geigen-Girlies, das war gestern! Die Violine ist ein Instrument für Frauen, die ihr Business verstehen. Übrigens auch für Männer, grundsätzlich gesprochen. Aber die werden – so will es die immer noch macho-dominierte Klassikbranche – bei Schallplatten seit Jahren vernachlässigt.
Die Violine ist ein Fraueninstrument geworden. Auch durch Geigerinnen wie die deutsche Isabelle Faust und die niederländische Janine Jansen. Angefangen hatte damit natürlich die Groß-Mutter der europäischen Geigenbewegung: Anne-Sophie Mutter. Am glamourösesten im Geschäft der weiblichen Global Player derzeit: Lisa Batiashvili.
Auch zur Erklärung des Phänomens weiß sie Rat: „Die große Zahl junger Geigerinnen heute“, erklärt Batiashvili, „ist darauf zurückzuführen, dass Mädchen zwischen 12 und 18 einfach disziplinierter lernen als Jungen.“ Heißa! Tatsächlich ist die Liste aktueller Groß-Geigerinnen noch länger: Hilary Hahn, Patricia Kopatchinskaja, Sarah Chang, Carolin Widmann, Arabella Steinbacher und Julia Fischer mischen seit Jahren die Violinen-Szene auf – und haben der Klassik einen regelrechten Gender-Boom beschert.
Lisa BatiashviliEin Erfolgsgeheimnis von Lisa Batiashvili war freilich immer auch: Distanz. „Früher erwartete man von Klassikkünstlern mit 40 Jahren ein Profil. Heute mit 20“, sagt sie kritisch. Sie sei „durch Sturheit“ dem Zwang zur Vermarktung des Jugendappeals entgangen. Gab kaum Interviews. Bei Marketingstrategen stellte sie sich taub. „Ich wollte ein Leben auch außerhalb der Musik, und das wäre vielleicht nicht möglich gewesen, wenn ich zu sehr ein Jungstar geworden wäre.“
Vor allem aber: „Es war auch nicht nötig, mich zu verbiegen. Konzertauftritte ergaben sich ohnehin.“ An ganz großen Adressen stehen für sie heute nur noch die Wiener Philharmoniker aus. Aber die sind eben manchmal ein bisschen träger. Eilt ja auch nicht.
Eine eigentliche Berufswahl hatte die in Hamburg ausgebildete Batiashvili wohl nicht. Der Vater war ein in Georgien bekannter Geiger. Die Mutter: Pianistin. In Tiflis griff sich die kleine Lisa mit zwei oder drei Jahren, so genau weiß man das nicht mehr, eine herumliegende Geige. „Später, als ich mich dann bewusst hätte entscheiden können, merkte ich, dass ich mich irgendwie schon entschieden hatte.“ 1991 floh die Familie vor dem drohenden Bürgerkrieg in den Westen. Nur die Vorliebe für georgische Weine, die freilich „daheim am besten schmecken“, hat sie mitgenommen.
Rasch rotierend in der Dauerschlaufe weltweiter Konzertvermarkter ist Batiashvili nicht nur die erfolgreichste, sondern zugleich unvernutzteste Geigerin von allen. Das Problem: Wenn Violinisten zu oft konzertieren, merkt man das ihrem glanzlos werdenden Ton sofort an. Bei einer solchen Überdosis-Sünde wurde Batiashvili im Unterschied zu zahllosen ihrer Kollegen noch nicht ertappt. An langer Erzählleine weiß sie ihre Geschichten zu bauen, hat ruhigen Atem, einen strukturklaren Ton und verfügt über das Vermögen, dramatisch zu werden, ohne bloß Aufregung zu produzieren. Großartig.
Lisa BatiashviliEntsprechend schimpft sie auf zu laute Geiger, die ihren Ton oberflächlich an der Rampe ausstellen und nach Effekten gieren. Dirigenten wissen den ganz anderen Weg, den sie geht, zu schätzen. Pult-Stars wie Simon Rattle oder Christian Thielemann wählten sie als Solistin für das Brahms-Violinkonzert auf CD und DVD. Mit Esa-Pekka Salonen nahm sie Schostakowitsch auf und mit Paavo Järvi Beethoven. Magnus Lindberg widmete ihr sein Violin-konzert. Mit Till Fellner und Adrian Brendel formierte sie ein Trio, um gemeimsan Harrison Birtwistle aufzuführen.
Musikalischer Wahlpartner Nr. 1 bleibt, wenn es sich ergibt, ihr Ehemann, der Oboist François Leleux. Mit ihm und den gemeinsamen zwei Kindern lebt sie abwechselnd in Frankreich und München. In konstanten Bezügen denkend, steht Lisa Batiashvili für so etwas wie die Entdeckung der Geigen-Langsamkeit inmitten von Streicher-Hektik.
Einer ihrer bevorzugten Dirigentenpartner war in den letzten Jahren der kanadische Shootingstar Yannick Nйzet-Sйguin (war auch im Rennen um die Rattle-Nachfolge in Berlin) – der bei ihr ruhiger wirkt. Mit ihm und dem Philadelphia Orchestra, dessen Chef Nйzet-Sйguin ist, gibt Batiashvili jetzt im Konzerthaus ein hochkarätiges Gastspiel mit Schostakowitschs 1. Violinkonzert.
Wie man den sogenannten Philadelphia-Sound (berühmt geworden durch Eugene Ormandy) gewinnbringend auf die Spätromantik projiziert, wird danach an Rachmaninows 3. Symphonie gezeigt. Fette Sachen, aber kalorienneutral von erklärten Schlankheitsfanatikern dargebracht. In der europäischen „Mutter-Generation“ internationaler Geigerinnen hat Batiashvili zurzeit die Nase ganz vorn.

Text: Kai Luehrs-Kaiser

Foto: Sammy Hart

Lisa Batiashvili, Konzerthaus Berlin, Di 26.5., 20 Uhr, Karten-Tel. 20 30 92 101

Aktuelle CD von Lisa Batiashvili: „Bach“ (Deutsche Grammophon)

Die ?Geigerin
Lisa Batiashvili, geboren 1979 in Tiflis, begann mit zwei Jahren das Violinspiel. Ausgebildet wurde sie in Hamburg und danach in München bei der legendären Ana ?Chumachenco, wo auch Julia Fischer und Arabella Steinbacher studierten. Aus Protest gegen den Putin-Befürworter Valery Gergiev, mit dem sie zuvor konzertiert hatte, spielte sie im vergangenen Jahr das Proteststück „Requiem for Ukraine“ in Gergievs Gegenwart. Batiashvili lebt derzeit in München.

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