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„Liverpool“ von Lisandro Alonso im Kino

Auf einem großen Frachtschiff kommt Farrel in den Hafen von Ushuaia im äußersten Süden von Argentinien. Fast scheint er überrascht, dass er plötzlich in seiner Heimat angelangt ist. Auf jeden Fall ergreift er die Gelegenheit und bittet um Landurlaub. Er will seine Mutter besuchen, von der er nicht einmal genau weiß, ob sie noch lebt. Allem Anschein nach ist Farrel lange weggewesen.
Von seinem Landgang erzählt Lisandro Alonso in „Liverpool“. Es ist der vierte Spielfilm des argentinischen Regisseurs, der sich zuvor schon zum Beispiel mit „Los muertos“ einen Namen gemacht hat – er steht für ein wortkarges, beobachtendes Kino des Unterwegsseins. Und so ist es auch hier. Zuerst versteckt Farrel seine größere Tasche hinter ein paar rostigen Planken, um die Schulter hängt er sich nur einen roten Beutel. Dann spricht er den Fahrer eines Lastwagens an, und schon geht es los. Das Ziel hat er noch im Kopf: eine abgelegene Sägemühle in einer Landschaft, in der Holzfäller nahezu die einzigen Menschen sind, und in der Fremde mit größter Selbstverständlichkeit behandelt werden.
„Liverpool“ besteht zum einen aus Szenen, in denen Farrel die Dinge tut, die ein reisender Mann eben so tut: Er isst lange und schweigend (das Bild wird dabei von einer imposanten Postertapete bestimmt), er sitzt auf einem Lastwagen, er kehrt in eine Kantine ein. Bevor er das Dorf betritt, in dem ihn seine Familie nicht eigentlich mit offenen Armen aufnimmt, untersucht er ein einsam in der Landschaft stehendes Fußballtor, von dessen Holzbalken die Eiszapfen hängen – ob es noch Spuren von früher enthält? Vieles bleibt rätselhaft bei Lisandro Alonso. Er lässt konsequent alle Erwartungen an konventionelle Dramaturgie ins Leere laufen.
In dieser Leere wird dann aber der Blick frei auf die spröde Schönheit einer entlegenen Landschaft, deren Farben unentschieden zwischen Herbst und Winter zu oszillieren scheinen. Vollends ein Rätsel bleibt Farrel (Juan Fernбndez), der abgesehen von einem regelmäßigen Schluck aus einer Flasche mit Hochprozentigem wenige spezifische Bedürfnisse erkennen lässt. Und so wird das Rätsel des Titels zu der eigentlichen Frage dieses Films – sie wird beantwortet, ohne dass damit etwas geklärt wird.
„Liverpool“ ist eine Gratwanderung. Man könnte Lisandro Alonso mit einigem Recht vorwerfen, dass er es mit dem Mysteriösen ein wenig übertreibt, aber dann enthält sein Film doch noch immer viele gut beobachtete Momente aus einer fernen, fremden Welt, in die selbst das Weltkino nur ganz selten einen Fuß setzt.

Text: Bert Rebhandl

tip-Bewertung: Sehenswert

Liverpool, Argentinien/Frankreich/Niederlande/Deutschland/Spanien 2008; Regie: Lisandro Alonso; Darsteller: Juan Fernбndez (Farrel), Giselle Irrazabal (Anбlнa), Nieves Cabrera (Trujillo); Farbe, 84 Minuten

Kinostart: 15. April

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