Kino & Stream

„Lollipop Monster“ im Kino

Lollipop_Monster„Lollipop Monster“ beginnt mit der lustvollen Angst vorm schwarzen Mann in Gestalt des Sängers der fiktiven Band Tier, die in düsteren Arrangements und mit der eindringlichen Stimme von Alexander Hacke das Animalische im Menschen beschwört. Die Musik funktioniert als vieldeutiger Sehnsuchtsraum, der eine Verbindung zwischen zwei scheinbar sehr unterschiedlichen 15-jährigen Mädchen herstellt. Da ist einerseits Oona, die Tochter des vom Genie geschundenen Malers, der seit Jahren nur das eine Bild ausstellt und sich erhängt, als er von der Affäre seiner Frau mit seinem Bruder erfährt. Andererseits Ari, dralle Lolita mit kurzen Röcken, biederem Elternhaus und rasanter erotischer Lernkurve. Diese Opposition wird inszenatorisch ausgeschöpft und gleichzeitig durchkreuzt, wird der „wilde“ Künstlerhaushalt doch – vergleichsweise – zurückhaltend und psychologisch plausibel geschildert, die „normale“ Kleinbürgerfamilie aber als fantastische Szenerie schriller Dekors und bonbonbunter Neurosen dargestellt, ein biedermeierlicher DaWanda-Faschismus, wo die Mutter süße Monster bastelt und bei dem Wort Neger einen Kicheranfall bekommt.

Regisseurin Ziska Riemann arbeitet seit den frühen 90ern als Comiczeichnerin, veröffentlichte mit Gerhard Seyfried, schreibt Kurzgeschichten und Drehbücher, macht Musik und schert sich reichlich wenig um Grenzen von Genre und Medium. Für das Buch ihres Spielfilmdebüts hat sie sich mit der Musikerin und Autorin Luci Van Org zusammengetan; gemeinsam schicken sie die großartigen jungen Darstellerinnen Jella Haase und Sarah Horvбth durch eine energiegeladene Barbie-Geisterbahn, wie sie im deutschen Kino selten zu sehen ist. Der rasche Wechsel von klassischem Studioarrangement, Handkamera, gezeichneten Skizzen und digitalen Effekten verdichtet sich zur filmsprachlichen Analogie einer bipolaren jugendlichen Wahrnehmung. Hier wird nicht die Oberfläche gegen den Abgrund ausgespielt wie bei Lynch, vielmehr überwuchert der pubertäre Subjektivismus die Bildlichkeit, angetrieben von einem suggestiven Soundtrack, der wilde Tonbrücken baut. Der Film inszeniert die Pubertät als Flirt mit dem schwarzen Mann, als Alice in Monsterland: Durch das phantasmagorische Schlussbild der beiden Rächerinnen unter Kirschblüten hüpft ein weißes Kaninchen.

Text: Stella Donata Haag

Foto: Salzgeber

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Lollipop Monster“ im Kino in Berlin

Lollipop Monster Deutschland 2011; Regie: Ziska Riemann; Darsteller: Jella Haase (Ariane), Sarah Horvбth (Oona), Nicolette Krebitz (Kristina); 93 Minuten; FSK 16

Kinostart: 25. August

Mehr über Cookies erfahren