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„London Boulevard“ im Kino

London Boulevard

Wer bei dem Titel an Billy Wilders „Sunset Boulevard“ denkt, liegt richtig. Und auch wieder nicht. Die Romanvorlage des irischen Autors Ken Bruen (rechtzeitig zum Kinostart in deutscher Übersetzung erschienen) ist eine Hommage an Wilders Film mit derselben Figurenkonstellation. Im Film jedoch ist die Frau, bei der der Protagonist einen Job bekommt, keine alte Schauspielerin, sondern eine junge. Das verleiht ihrer Beziehung eine ganz andere, zunächst weniger interessante Dimension. Dafür ist der Protagonist, Mitchel, der nach drei Jahren aus dem Knast kommt, weder so gewalttätig wie im Roman (wo er einem aufdringlichen Bettler den Arm bricht, als er gerade einmal zehn Minuten aus dem Knast ist) noch so selbstgefällig (in inneren Monologen seine Bildungsbeflissenheit mitteilend). Colin Farrell spielt diese Figur ganz verhalten, als Beobachter, der keine überflüssigen Worte macht.
Die eher geradlinige Geschichte vom Gangster zwischen Rückfall in die alten Muster und dem Versuch, sich mit ehrlicher Arbeit durchs Leben zu schlagen, erzählt der Film als angenehm altmodisches Genrestück, mehr an seinen Charakteren als an austauschbarer Action interessiert. Dazu gehören eher exzentrische Nebenfiguren wie Eddie Marsan als korrupter Polizist mit Koteletten und getönter Brille, David Thewlis als Manager der Schauspielerin, ein philosophierender Bohemien, oder Anna Friel als Mitchells Schwester mit Borderline-Persönlichkeit. Selbst wenn die Rollen eher Typen sind, wie Ben Chaplins kleinkrimineller Kumpel Billy oder Ray Winstones brutal-jovialer Gangsterboss Gant, vermögen es die Darsteller, ihnen Nuancen zu verleihen. Demgegenüber hat es Keira Knightley schwer: Als Schauspielerin, die sich von der Welt zurückgezogen hat, weil sie das Glamour-Image, das ihr überall in London als überdimensionales Plakat begegnet, nicht mehr ertragen kann, wird sie kaum je zu einem Wesen aus Fleisch und Blut – auch für Mitchel ist sie vielleicht mehr eine (zeitweilig Realität gewordene) Fantasie. Dazu passt auch der düstere Schluss dieses schnörkellosen Films, mit dem der Autor William Monahan (Oscar-Preisträger für Scorseses „Departed – Unter Feinden“) einen gelungenen Einstand als Regisseur gibt.

Text: Frank Arnold

Foto: Senator Film

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „London Boulevard“ im Kino in Berlin

London Boulevard, Großbritannien 2010; Regie: William Monahan; Darsteller: Colin Farrell (Mitchel), Keira Knightley (Charlotte), David Thewlis (Jordan); 107 Minuten; FSK 16

Kinostart: 1. Dezember

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