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„The Look of Silence“ im Kino

The Look of Silence

An der Grenze zwischen Erinnerung und Vergessen hat Adi R., der sanfte Held von „The Look of Silence“, selbst eine Szene für den Film gedreht. Sie zeigt seinen damals schon über hundertjährigen Vater in einem Moment absoluter Verzweiflung. Die Demenz hat seine Erinnerung ausgelöscht, aber ein namenloser Schrecken, der alles überwältigt, steckt noch in ihm, während er schreiend über den Zementboden seines Hauses kriecht, unerreichbar für die anderen. Für Adi R. und Joshua Oppenheimer wurde diese Szene zum Sinnbild dessen, was ihr Film bannen wollte: der Horror, der bleibt, wenn man Geschichte nicht erinnern darf, für eine ganze Nation.
Oppenheimer hat schon 2012 in seinem aufsehenerregenden Film „The Act of Killing“ von dem politisch motivierten Genozid nach der Machtergreifung von General Suharto 1965 erzählt. Einer der damals Ermordeten war Adis Bruder Ramli, der wie hunderttausende andere Gewerkschaftsmitglieder, Linke oder Angehörige der chinesischstämmigen Minderheit der Gewaltpolitik zum Opfer fiel, mit der die Militärdiktatur (unter Applaus des Westens) ihre Macht konsolidierte.
Den Bildern von „The Act of Killing“, der in seinen verstörenden, surrealen Täterporträts die Formensprache der klassischer Dokus weit hinter sich ließ, stellt Oppenheimer nun die Perspektive der Opfer entgegen. Seine Kamera begleitet den Optiker Adi, der in seiner Nachbarschaft die Mörder des älteren Bruders aufsucht und sie mit ihren ungesühnten Verbrechen konfrontiert.
„Ein Poem über das Schweigen, das aus dem Terror geboren wurde“, hat Oppenheimer seine Arbeit genannt, und wirklich erschafft er im Wechsel zwischen dem Suspense der Konfrontationen und reflektiven Momenten ein intensives Bildgedicht von Schrecken und Vergegenwärtigung: sensibel und atemberaubend – ein Jahrhundertwerk, nicht nur über indonesische, auch über unsere eigene Geschichte.

Text: Robert Weixlbaumer

Foto: Lars Scree

Orte und Zeiten: „The Look of Silence“ im Kino in Berlin

The Look of Silence, Dänemark/Finnland/Indonesien/Norwegen/Großbritannien 2014; Regie: Joshua Oppenheimer; ?103 Minuten

Kinostart: Do, 01. Oktober 2015

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