Kino & Stream

„Love Exposure“ im Kino

Schwer zu sagen, woraus dieser Film seine ungeheure Kraft bezieht: Ob aus der Spontaneität und Spielfreude seiner Schauspieler. Aus dem schier überwältigenden Handlungsreichtum. Aus der Lichtschattierungen und Farb­nu­an­cen liebkosenden Kameraführung. Aus der mitreißenden Musik und dem vorwärts, immer vorwärts treibenden Rhythmus der Montage. Aus seinem philosophischen Tiefgang, der an die obsessive Wühlarbeit eines Irrsinnigen gemahnt. „Love Exposure“ (Ai no mukidashi) ist ein Monstrum von einem Film, und Sion Sono, der ihn gedreht hat, ist ein Berserker.
Freiheit und Anarchie zeugen hier die wundersamsten Kinder, und wie im Flug vergehen vier Stunden Laufzeit, in denen Sono die ebenso schonungs- wie hem­mungs­lose Darstellung einer wi­dersprüchlichen Energie gelingt, die zu Glück und Erlösung oder in Untergang und Verdammnis führen kann. Der Zerreißprobe „Liebe“ un­terzogen wird der 17-jährige Yu, der sich eines Tages unversehens in einen Konflikt aus religiösem Wahn und erotischer Besessenheit gestürzt sieht. Er landet in einem Sündenpfuhl, in dem die vernichtenden ebenso wie
die rettenden Kräfte des Gefühls wirksam werden und aus dem er sich unter Aufbietung aller Kräfte fast nicht wieder herausarbeiten kann.
Er strampelt dort im Übrigen nicht allein. Mit ihm kämpfen um Überblick und Überleben: sein Vater, ein katholischer Priester, der ein Verhältnis mit einer Frau beginnt, diese „Schuld“ sodann auf Yu projiziert und solcherart die tumultösen Ereignisse erst in Gang setzt. Die von Yu mit der ganzen Seele seiner Erektion geliebte Yoko, die ihn jedoch für die 70er-Jahre-Gangster-Ikone Sasori hält und damit für eine Frau. Und Sektenführerin Koike, die es darauf anlegt, den Priester samt Familie einer Gehirnwäsche zu un­terziehen, und der zur Erreichung dieses Zieles jedes Mittel recht ist.
Sono erzählt von Geschlech­ter­spannung und Machtmissbrauch, von Wahnsinn und Schmerz und von der Schuldbesessenheit des Christentums als einer eigentlichen Perversion. Er lotet die Bedeutung der Liebe als einer transzendentalen Gewalt im Kontext von Religion und menschlichem Begehren aus. Er arbeitet sich ab an 1. Korinther 13, den Yoko in einer der verausgabendsten Szenen des Films rezitiert und der mit dem Satz endet: „Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Eine Himmelsmacht.

Text: Alexandra Seitz

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Love Exposure“ im Kino in Berlin

Love Exposure (Ai no mukidashi), Japan 2008; Regie: Sion Sono; Darsteller: Takahiro Nishijima (Yu), Hikari Mitsushima (Yoko), Sakura Ando (Koike); Farbe, 236 Minuten

Kinostart: 13. August

Mehr über Cookies erfahren