Kino & Stream

„That Lovely Girl“ im Kino

That Lovely Girl

Sie sind Vater und Tochter. Sie sind aber auch ein Paar. Tami ist eine junge Frau Anfang 20. Ihr Vater Moshe ist fast 60 Jahre alt. Sie leben wie Eheleute; und so, wie sie miteinander umgehen – er: routiniert grausam, sie: resigniert erloschen –, existiert das inzestuöse Verhältnis zwischen ihnen bereits ziemlich lange. Vermutlich missbraucht Moshe Tami seit der Kindheit. Über die Jahre ist Tami in eine Art Partnerrolle hineingewachsen, inzwischen stellt sie auch die entsprechenden Ansprüche: Als Moshe eine Affäre mit einer anderen Frau beginnt, reagiert Tami mit Eifersucht und Verzweiflung. Freilich liegt der tiefere Grund dafür in der profunden Angst eines kleinen Kindes vor dem Verlassenwerden. Dass dieses Kind längst schon verraten wurde, macht es für das Publikum nicht einfacher.
Über die Entstehung dieses schrecklichen Vater-Tochter-Verhältnisses erfährt man in Keren Yedayas „That Lovely Girl“ ebenso wenig wie über den Verbleib von Tamis Mutter. Die Außenperspektive, die die israelische Filmemacherin in ihrer Adaption von Shaz‘ Roman „Loin de son absence“ anlegt und mit äußerster Konsequenz durchhält, erzeugt tiefes Unbehagen. Keine Erklärung erleichtert das Verstehen der Vorgänge, keine ?Psychologisierung bietet die Möglichkeit ?der Identifikation oder der emotionalen Solidarisierung.
Stattdessen erzwungene Zeugenschaft ?in einem hermetisch gegen das Soziale abgeriegelten Beziehungsraum, Klaustrophobie erzeugend. Angesichts dieses nüchtern aufgezeichneten pathologischen Ist-Zustandes derart auf sich allein gestellt zu bleiben, ?fordert zugleich zu Gedanken heraus, die ?tiefer gehen als – selbstverständliche – Verurteilung. Sie kreisen um Abhängigkeitsmuster und Machtverhältnisse, um Beschädigung und Wiederholung – und sie kommen der inneren Wahrheit einer kranken Beziehung berührend nahe.

Text: Alexandra Seitz

Foto: Aries Images

Orte und Zeiten: „That Lovely Girl“ im Kino in Berlin

That Lovely Girl (Harcheck mi headro), Israel/Deutschland/Frankreich 2014; Regie: Keren Yedaya; Darsteller: Maayan Turgeman (Tami), Grad Tzahi (Moshe), Yaël Abecassis (Shuli); ?93 Minuten

Kinostart: Do, 23. April 2015

Mehr über Cookies erfahren