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„Löwenkäfig“ von Pablo Trapero im Kino

Der eine Mitbewohner ist erstochen worden, der andere lebensgefährlich verletzt. Ob die Männer ein Paar waren, das ihre Wohnung okkupiert hatte, ob sie mit beiden ein Verhältnis hatte, wer der Vater ihres Kindes ist, bleibt unter den gegenseitigen Schuldzuweisungen der beiden Überlebenden unbeantwortet. Fünf Jahre ist die Justiz nicht in der Lage, ein faires Urteil zu sprechen – eine Kritik des argentinischen Regisseurs Pablo Trapero an den Gerichten seines Landes, doch dieser Aspekt bleibt Nebensache in seinem Film „Löwenkäfig„, der letztes Jahr auf dem Filmfestival von Cannes im Wettbewerb lief.
Die Dramaturgie und die Ka­me­raführung des Films machen sich das subjektive Erleben von Julia zu eigen, sodass ihre Erklärung, sie sei nur Zeugin des Mes­ser­kampfs gewesen, plausibel scheint. Was den Filmemacher aber vor allem fasziniert, ist die Tatsache, dass Mütter und Kinder im Gefängnis leben, Schwangere ihre Babys in der Zwangsgemeinschaft zur Welt bringen. Ein „Löwenkäfig“ ist der bunt bemalte Trakt inmitten des monströsen Anstaltsareals, in dem Julia ihren Sohn Tomas bekommt.
Im Mittelpunkt des Films steht Julias Entwicklung in der Zwangsroutine: weg von der bloßen Abwehr der aufdringlichen Mitgefangenen, heraus aus der Isolation und Verzweiflung. Vor allem ist da Martha (Laura Garcнa), eine eindrucksvolle indigene Schönheit, Mutter zweier Gefängniskinder und souveräne Königin des „Löwenkäfigs“. Martha und Julia finden zueinander. Ihre Liebesszenen feiert der Film aus diskretem Abstand, mit einer Aura der In­timität, die dem Lärm, der Enge und Fülle des Gefangenenmilieus entgegensteht. Martha ist es auch, die nach ihrer Entlassung Hilfe leis­tet, damit Julia ihr Leben selbst in die Hand nehmen kann.
Die Kinder wachsen bis zu ihrem vierten Lebensjahr hinter Gittern auf – das ist die Kehrseite des zweifelhaften Idylls im Müttertrakt. Die bürgerliche Mama von Julia setzt darum alles daran, ihren Enkel zu sich zu holen. Der Kampf gegen die Trennung von Tomas macht Julia erst zur Heldin ihres Lebens. Sie findet eine Lösung, die dem Film zu einem genretypischen Ende verhilft. So ist er eine Milieustudie aus einem ausgegrenzten Gesellschaftsbereich. Was die latente Aggression schierer Monotonie in den Kindern anrichtet, erzählt der Film indes nicht. Trapero verzichtet darauf zugunsten der mütter­li­chen Emanzipationsgeschichte.

Text: Claudia Lenssen

tip-Bewertung: Annehmbar

Löwenkäfig (Leonera), Argentinien 2008; Regie: Pablo Trapero; Darsteller: Martina Gusman (Julia), Elli Medeiros (Sofia); Farbe, 113 Minuten

Kinostart: 4. Juni 2009

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