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Beobachtungen bei den 57. Nordischen Filmtagen Lübeck

Virgin Mountains

Ein großer Vorteil für Linde Fröhlich, seit vielen Jahren Künstlerische Leiterin der Nordischen Filmtage Lübeck: Sie muss für ihre Wettbewerbsfilme nicht wie so manche Kollegen von anderen Festivals ununterbrochen nach Welt-, Europa- oder sonstigen Premieren Ausschau halten (auch wenn solche Filme gerne gesehen sind), sondern kann bei den Produktionen aus skandinavischen und nordosteuropäischen Ländern aus dem Vollen schöpfen. Da macht es dann auch nichts, dass ein Werk wie Dagur Kбris grandioser „Virgin Mountain“ (der den Publikums- und den Baltischen Filmpreis erhielt / Foto oben) bereits auf der Berlinale lief. Den Besuchern eines der ältesten deutschen Festivals kann das auch im 57. Jahr nur recht sein, denn so kommen sie wieder mal in den Genuss eines extrem niveauvollen Wettbewerbsprogramms mit nur ganz wenigen Ausreißern nach unten.
Unter dem SandEin solcher ist leider die dänisch-deutsche Koproduktion „Unter dem Sand“ von Martin Pieter Zandvliet, und das trotz eines spannenden Sujets. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs werden deutsche Kriegsgefangene gezwungen, Millionen an der Westküste Dänemarks vergrabene Landminen zu entschärfen. Ein Himmelfahrtskommando. Doch Autor und Regisseur Zandvliet macht es sich (und uns) viel zu leicht. Seine Deutschen sind durchweg brave junge Kerle, die in den letzten Kriegsmonaten eingezogen wurden. Da findet sich kein gestandener Landser, kein von der Naziideologie versauter Heil-Hitler-Schreier. Und so fällt es auch nicht schwer, mit den Bengels zu sympathisieren. Ein sehr schlichter Film, an dem neben der Besetzung der hübsch zweideutige internationale Titel „Land of Mine“ noch das Beste ist.
Noch mehr Filme der Nordischen Filmtage handeln vom Krieg, und das ungleich vielschichtiger. Im dänischen Beitrag „A War“ („Krigen“) berichtet Autor und Regisseur Tobias Lindholm von einem Feldwebel, der als kommandierender Offizier während seines Einsatzes in Afghanistan eine folgenschwere Entscheidung trifft und damit für den Tod von Zivilisten verantwortlich gemacht wird. Denn merke: Einen sauberen Krieg, den gibt es nicht. Auch nicht, wenn man für die richtige Sache kämpft.
Was der Afghanistan-Krieg zuhause anrichtet, davon erzählt der Norweger Henrik Martin Dahlsbakken in „Die Rückkehr“ („Е Vende Tilbake“), der den Hauptpreis, den NDR-Filmpreis, ergatterte. Zwei Brüder machen sich auf die Suche nach ihrem Vater, der kurz nach seiner Rückkehr aus Afghanistan bei der Jagd spurlos verschwindet.
Rosita„Ach nö, bitte nicht schon wieder Culture Clash“, denkt man bei der Handlung von „Rosita“, wieder aus Dänemark. Doch was Regisseurin Frederikke Aspöck und ihr erfahrener Drehbuchautor Kim Fupz Aakeson („Perfect Sense“, „Einer nach dem anderen“) auf die Leinwand zaubern, ist großes Gefühlskino mit einem leisen Humor. Ulrik hat sich eine Philippinin bestellt. Das Problem: Rosita kann kein Dänisch, Ulrik kein Englisch. Also muss Ulrichs skeptischer Sohn Johannes als Übersetzer ran – und verliebt sich selbst in die fremde Frau, die durchaus Selbstbewusstsein an den Tag legt. Der Film erfreut wegen guter Dialoge und dem erstklassigen Cast mit Jens „Der Adler“ Albinus, Mikkel Boe Fшlsgaard („Erbarmen“) und Mercedes Cabral. Ein Film, der durchaus das Zeug zum Arthouse-Renner hat.
Kennen Sie das? Ein Film ist komplett nach Schema F konstruiert, und trotzdem oder gerade deswegen macht es Spaß, zuzusehen? „Die Kinder des Fechters“ („Miekkaillja“), eine finnisch-estnisch-deutsche Koproduktion, ist so ein Film. Denn die Geschichte um einen Sportlehrer, der 1953 vor Stalin ins ferne Estland flüchtet und dort einen Fechtkurs für die Schulkinder aufbaut, könnte als Blaupause für jedes Melodram herhalten: Held geht ins Exil, lässt sich nicht unterkriegen, und kehrt doch zurück n die Höhle des Löwen, in diesem Fall zu einem Fechtturnier in Leningrad. Das sieht gut aus, ist ebenso gespielt – und die Vorhersehbarkeit wirkt irgendwie heimelig.
SpatzenGanz und gar nicht heimelig geht es dagegen in den beiden Jugenddramen des Wettbewerbs zu, „Spatzen“ („Threstir“) aus Island und „Nachbeben“ („Eftetrsklav“) aus Schweden. Denn hier wie dort verschlägt es einen Jüngling in eine ihm nicht eben wohlgesonnene Umgebung. Doch während Ari in „Spatzen“ vorwiegend mit seinem versoffenen Vater und den Landeiern im Nordwesten Islands umgehen muss, hat John ein fürchterliches Verbrechen begangen und kehrt nun nach dem Jugendknast in sein Heimatstädtchen zurück, wo er auf offene Feindschaft stößt. Zwei sehr intensive Dramen, die keine einfachen Lösungen parat haben.
Und sonst in Lübeck? Die Burger-Manie hat auch diese wunderschöne Stadt kulinarisch ergriffen; die Sperrung einer wichtigen Straße sorgt für viel Stau; unter dem Titel „Crisis Cuisine“ bekochten Flüchtlinge die Festivalgäste; das Lübecker Bürgertum strömte wieder fleißig in „sein“ Festival. Und Regisseurin Yngvild Sve Flikke beweist, dass es nicht unbedingt eine gute Idee ist, für ein Spielfilmdebüt ausgerechnet die extrem schwierige Form des Episodenfilms zu wählen. Wobei ihr „Ich wär gern wie ich bin“ („Kvinner I For Store Herreskjorter“) über drei Frauen im norwegischen Trontheim durchaus hübsche Momente hat, auch wenn der Film als Ganzes etwas zerfasert.

Text: RFD

Fotos oben nach unten: Virgin Mountain (Alamode Film), Unter dem Sand (Nordisk Film), Rosita (DFI), Spatzen (Nimbus Film/Versatile Film)

Weitere Informationen: www.luebeck.de/filmtage

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