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„Luks Glück“ im Kino

Luks_Glueck_01_c_RealFictionFilmverleihGroße Lottogewinne machen Menschen nicht immer glücklich. „Viele haben das Gefühl, in ein Loch zu fallen“, fand die Autorenfilmerin Ayse Polat (Foto unten) bei Recherchen heraus. „Ich muss nicht mehr arbeiten, ich kann jetzt machen, was ich will – damit können viele Leute nicht umgehen. Oft verschulden sie sich noch, geben zu viel aus: Autos, Frauen, sonst was. In Amerika gab es ­eine 150 Kilo schwere Frau, die Millionen gewonnen und dann so viele Big Macs gegessen hat, dass sie daran gestorben ist.“ In „Luks Glück“, einem mit unverbrauchten Darstellern, anregender Musik und Situationskomik flott inszenierten Familiendrama, führt so ein unerwartetes Vermögen zu einer Folge fataler Missgeschicke. Die in Hamburg lebenden türkischen Eltern wollen mit dem Kapital ein Hotel in der Heimat kaufen, die beiden Söhne möchten selbst über ihre Gewinnanteile verfügen. Der jüngere, etwas einfältige Luk leidet unter seinem Image als Versager, er will in eine Karriere als Musiker und Promoter investieren. Um das Herz der Amateursängerin Gül zu gewinnen, plant er den Dreh eines Musikvideos mit ihr im türkischen Kappadokien, dessen pittoreske Felslandschaft diesem Film exotisches Flair verleiht.

„Ich wollte einen Ort, der ein bisschen surreal wirkt, um den emotionalen Zustand der Figuren nach dem Lottogewinn zu unterstreichen. Der erscheint nicht normal mit diesem Tuffstein, das sieht aus wie im Märchen, hat aber auch etwas Unheimliches.“ Geradezu geisterhaft wirken Aufnahmen der Landschaft aus der Vogelperspektive, mit denen Empfindungen beklemmend visualisiert werden, die jemand bei einem Selbstmordversuch mit Tabletten und Alkohol hat. „Wir haben eine Heißluftballonfahrt gemacht und die Tuffsteine von oben gefilmt. Das sind reale Aufnahmen, die aber eigenartig aussehen. Das ist beim Schnitt so entstanden, dieses Befremdliche, der kalte, todähnliche Raum.“ Ayse Polat wurde 1970 in Malatya im kurdischen Teil der Türkei geboren. 1978 zog sie nach Hamburg, in Berlin und Bremen studierte sie Philosophie, Kulturwissenschaften und Germanistik. Was nicht gerade auf eine Karriere als Filmemacherin hindeutet, aber: „Ich habe bereits während der Schulzeit Super-8-Filme gedreht mit Freunden. Während des Studiums arbeitete ich an Filmsets, machte Skript, Continuity. Da habe ich auch drei Kurzfilme gedreht, mit Hamburger Fördermitteln.“ 1999 erschien ihr erster Spielfilm „Auslandstournee“. Ihr zweiter, „En Garde“, wurde 2004 beim Filmfestival Locarno mit dem Silbernen Leoparden für den Film und für zwei Darstellerinnen ausgezeichnet.

Ayse_Polat_2012_c_OktayCagla__3PunktFilmproduktionDie Vorlagen für ihre Regiearbeiten verfasst ­Polat stets selbst. „Drehbuchschreiben ergibt sich aus Sachen, die man erlebt, beobachtet, liest. Das formt sich langsam im Unterbewusstsein, das gärt lange. Irgendwann tauchen dann Bilder auf, Geschichten. Die Figuren werden ­immer lebendiger, bis sie fast haptisch sind. Luk ist jemand Mitte 20, ein bißchen postpubertär. Dann kommt der Lottogewinn, man muss sich fragen, was will man eigentlich, wer bin ich?“ Selbstreflexion ist nicht Luks Stärke, er hatte nie klare Ziele vor Augen. Der Geldgewinn verunsichert ihn, er „verrennt sich immer mehr in eine fixe Idee. Und wenn eine Familie im Lotto ­gewinnt, sind drum herum immer Geier, die ­etwas davon abhaben wollen.“ Menschlich glaubwürdig dargestellt wird der törichte Luk vom Schweizer Renй Vaziri, sein Großvater war Perser. „Mir war wichtig, nicht diese bekannten Gesichter zu benutzen. Wir ­haben über ein Jahr gecastet und sind dabei auf Renй gestoßen, der hatte gerade seine Schauspielschule beendet.“ Im Film geht es auch um Generationskonflikte in türkischen Einwanderer­familien. „Es gibt die Tendenz, dass sich die zweite Generation eher auflehnt gegen die erste, und die dritte wendet sich wieder ihren Wurzeln zu“, meint Ayse Polat, die sich als „Hamburgerin mit kurdischen Wurzeln, in Berlin lebend“ bezeichnet und anders als Luk von vornherein weiß, was sie beim Gewinn eines Jackpots mit dem Geld macht: „Ich würde es in meine Filme investieren.“

Text: Ralph Umard

Fotos: Real Fiction Filmverleih, Oktay Cagla / 3 Punkt Filmproduktion (Ayse Pola)

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Luks Glück“ im Kino in Berlin

Luks Glück, Deutschland 2010; Regie: Ayse Polat; Darsteller: Renй Vaziri (Luk), Aylin Tezel (Gül), Kida Ramadan (Cem); 92 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 28. Juni

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