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„Mademoiselle Chambon“ im Kino

Die Geschichte, die Stйphane Brizй in seinem vierten Spielfilm „Mademoiselle Chambon“ erzählt, ließe sich in einigen wenigen Sätzen zusammenfassen: Jean (Vincent Lindon) ist Maurer und allem Anschein nach glücklich verheiratet mit Anne-Marie (Aure Atica), die in einer Druckerei arbeitet. Er ist ein zugewandter Vater, der seinem Sohn bei den Hausaufgaben hilft, ein guter Sohn, der sich regelmäßig um seinen alleinstehenden, alten Vater kümmert, und ein zuverlässiger Ehemann. Aber eines Tages begegnet er Fräulein Chambon (Sandrine Kiberlain), der Lehrerin seines elfjährigen Sohnes. Eine Begegnung, die urplötzlich seine kleine, heile Alltagswelt sprengt. Seine Gefühle werden erwidert, und beide verstricken sich hoffnungslos im Kampf der Emotionen.
Aber so einfach ist es nun eben doch nicht, denn wichtig ist nicht so sehr der Inhalt, sondern die Form, in der Brizй seine beinah banale, klassische Dreiecksgeschichte erzählt, und die diesem Film seine besondere Faszination verleiht. „Mademoiselle Chambon“ beruht auf einem Roman des französischen Autors Eric Holder, und Stйphane Brizй ist für seine Adaption mit einem Cйsar für die beste Literaturverfilmung ausgezeichnet worden. Brizй, der mit „Man muss mich nicht lieben“ bekannt geworden ist, setzt jedoch andere Akzente als Holder. Er zeigt nicht so sehr die Entwicklung eines leidenschaftlichen ‚coup de foudre‘, der unaufhaltbar zum Ehebruch führt, sondern konzentriert sich eher auf die Gefühle und Empfindungen, die durch diese Begegnung freigelegt werden. Die Anziehungskraft, der diese beiden aus so völlig unterschiedlichen Welten stammenden Menschen plötzlich geradezu hilflos ausgeliefert sind, lassen sich eben nicht nur in Worte fassen, sondern werden transzendiert in Blicke, Gesten und Stimmungen, die das Unausgesprochene sichtbar machen.
Jean ist kein redseliger Mann, und Vйronique Chambon kommt aus einem völlig anderen sozialen Kontext. Er baut Häuser, die auf festen Fundamenten stehen, sie ist als Aushilfslehrerin jederzeit abrufbar und schwebt sozusagen wie eine Feder von Schule zu Schule und von Stadt zu Stadt. Jean kümmert sich hingebungsvoll um seinen Vater, die distanzierte Beziehung von Fräulein Chambon zu ihren Eltern können wir aus sporadischen Anrufen der Mutter erahnen. Während wir Jean fest in seinem sozialen und familiären Kontext verankert sehen, erscheint Vйroniques persönlicher Hintergrund nur angedeutet. Sie ist Geigerin, ein Foto in ihrem Zimmer lässt eine möglicherweise abgebrochene Karriere als Konzertistin erahnen, und es ist die Musik, die zum Auslöser der Welle von Gefühlen wird. Sie wird die Sprache dieses Paars und spiegelt die Emotionen wider, die sie überwältigen und mit denen sie jedoch nicht umzugehen wissen. Sie möchte ihm näherkommen, aber wagt es nicht, er möchte sie berühren, aber weiss nicht, ob er es darf.
Durch Vйronique tut sich für Jean eine andere, mögliche Welt auf, zu der er bislang keinen Zugang hatte, und die ihn in seinem so lange nicht-hinterfragten Alltagsleben als Ehemann und Vater verwirrt. Vйronique offenbart ihm etwas von ihm selbst, was er bislang an der Seite seiner Frau nicht kannte.  Aber beide Lebensperspektiven, die sich für Jean als Alternativen auftun und zwischen denen er eine Wahl treffen muss, haben den gleichen Stellenwert.
Über derartig herzzerreißende Situationen haben wir zwar alle schon einmal im Kino eine Träne vergossen, aber Brizй, der eher in der Tradition eines Rohmer oder Sautet steht, versteht es hier wieder einmal völlig neu, uns – ohne in die Register des großen melodramatischen Spektakels zu greifen – mit diesem unauflösbaren Dilemma der Irrungen und Wirrungen des menschlichen Herzens zu bewegen, bei dem Liebe, Leidenschaft und Verantwortungsgefühl miteinander kollidieren. Wie bei allen Filmen Brizйs beruht die emotionale Intensität dieses gleichzeitig schlichten und großartigen  Films auf der Glaubwürdigkeit, Subtiliät und ungeheuren Präsenz der Hauptdarsteller. Ihnen gelingt es, bis zur letzten Minute die Spannung aufrecht zu erhalten. Vielleicht auch, weil Stйphane Brizй die maliziöse Idee hatte, für seinen Film mit Sandrine Kiberlain und Vincent Lindon zwei hochkarätige Schauspieler vor der Kamera wieder zusammenzuführen, die sich in ihrem realen Leben vor wenigen Jahren nach neunjähriger Ehe getrennt hatten. Da lassen sich natürlich bei einer derartig überzeugenden Leistung Fragen nach der Schwierigkeit einer solchen Konstellation nicht vermeiden. Sie hätten, so Sandrine Kiberlain, jedoch einfach nur versucht, während der Dreharbeiten so wenig wie möglich miteinander zu sprechen und persönliche Erinnerungen auszuschalten.

Text: Barbara Lorey

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Mademoiselle Chambon“ im Kino in Berlin

Mademoiselle Chambon, Frankreich 2009; Regie: Stйphane Brizй; Darsteller: Vincent Lindon (Jean), Sandrine Kiberlain (Vйronique Chambon), Aure Atika (Anne-Marie); 101 Minuten

Kinostart: 12. August

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