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„Mademoiselle Populaire“ im Kino

Mademoiselle Populaire

Zu Beginn fährt die Kamera auf ein Schaufenster zu und erfasst die Schreibmaschine in der Auslage wie einen Gegenstand auf einem Altar, ein höchst kostbares Gut. Nicht zu Unrecht, schließlich ist sie die Titelfigur dieses Films, der, zumindest im französischen Original, schlicht mit „Populaire“ betitelt ist. Man schreibt das Jahr 1958 und auch in der französischen Provinz macht sich die Moderne in ihren Anfängen bemerkbar, in der Musik und in der Mode. Aber wer sie wirklich spüren will, der muss raus aus dem kleinstädtischen Mief. So empfindet es jedenfalls die 21-jährige Rose, deren Vater einen Gemischtwarenladen betreibt, in dessen Auslage die Populaire steht. Hier hinter der Ladentheke kann sie ihre Zukunft genauso wenig sehen wie als Frau des Auto­mechanikers, den ihr Vater für sie ins Auge gefasst hat. Als neue Sekretärin des Versicherungsmaklers Louis Echard entkommt sie schließlich dem Elternhaus zumindest bis in die nächste Kleinstadt, auch wenn sie mit ihrer geradezu aufreizenden Ungeschicklichkeit kaum die Traum­sekretärin ist. Aber Louis hat längst ihr wahres Talent entdeckt – auf der Schreibmaschine mit erstaunlicher Geschwindigkeit zu schreiben.
Eine Pygmalion-Geschichte, in der der Mann die Frau vom hässlichen Entlein in einen stolzen Schwan verwandelt: Mit sportlichem Ehrgeiz drillt Louis seine Angestellte mit der Stoppuhr für einen Wettbewerb, zunächst in der Provinz, dann landesweit und schließlich sogar international. Dieses Finale kann natürlich nur an einem Ort stattfinden: in New York. Denn Geschwindigkeit, das verbindet dieser Film (wie die Moderne überhaupt) mit den USA, nicht anders als schon Jacques Tatis „Schützenfest“ vor über sechzig Jahren. Auch wenn „Mademoiselle Populaire“ am Ende Frankreich einen mehrfachen Triumph gönnt, ist er doch eine Hommage an das amerikanische Kino. Der verbale Schlagabtausch von Rose und Louis steht in bester Tradition der Screwball-Comedy, vor allem optisch aber ist der Film ein Hochgenuss, zieht seinen Hut vor amerikanischen Farbfilmen der fünfziger Jahre, als in Frankreich das Kino noch überwiegend schwarz-weiß war. Dabei verklärt er die Zeit aber nicht, sondern klammert vielmehr die Prüderie der Fünfziger und die Unterdrückung der Frau (gegen die sich Rose mit nonchalantem Witz zur Wehr setzt) nicht aus.

Text: Frank Arnold

Foto: STUDIOCANAL GmbH

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Mademoiselle Populaire“ im Kino in Berlin

Mademoiselle Populaire (Populaire), Frankreich/Belgien 2012; Regie: Rйgis Roinsard; Darsteller: Dйborah François (Rose Pamphyle), Romain Duris (Louis Йchard), Bйrйnice Bejo  (Marie Taylor); 111 Minuten; FSK 0

Kinostart: 11. April

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