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„Mafrouza“ im Kino

Mafrouza

Der Tagelöhner Abu Hosny führt einen vergeblichen Kampf. In seinem baufälligen Haus dringt immer wieder das Grundwasser durch den Boden. In mühsamer Kleinarbeit trägt er Eimer für Eimer nach draußen und schüttet ihn auf einen Berg Müll. Das Viertel Mafrouza im ägyptischen Alexandria, in dem Abu Hosny sich eine Bleibe ausgebaut hat, ist vieles zugleich: Elendsquartier, Mülldeponie, Ausgrabungsstätte. Viele Menschen aus den ärmsten Schichten der ägyptischen Gesellschaft lebten hier, bis die Stadtverwaltung im Jahr 2007 beschloss, die provisorischen Verhältnisse in Mafrouza nicht länger zu dulden. Den Bewohnern wurden neue, moderne Quartiere in Aussicht gestellt.
Der Dokumentarfilmzyklus „Mafrouza“ von Emmanuelle Demoris ist damit auch ein Denkmal für eine untergegangene Welt geworden, ein besonderer Ort wie das Viertel Fontainhas in Lissabon, über das Pedro Costa eine thematisch ähnliche, ästhetisch allerdings ganz anders angelegte Langzeitdokumentation gemacht hat. Demoris hat mit ganz kleinem Team gearbeitet, in vielen Szenen hat sich dadurch eine beiläufige Alltäglichkeit eingestellt, die allerdings nichts mit den Konventionen von Reality-TV gemein hat, sondern an klassische Formen der Filmtheorie anschließt, in denen es um den Abdruck des Wirklichen geht, der der Zeit entrissen wird. Nicht von ungefähr ist die Szene von „Mafrouza“ ein Ort der Toten, an dem das Kino einmal mehr die Vergänglichkeit überwindet in der eindringlichen Beobachtung der Mühsal von Menschen, die wenig Chancen auf Erfolg haben, die aber ständig Lösungen für ihre Probleme finden (müssen). Die Hartnäckigkeit, mit der sie Quartiere ausbessern, von denen sie wissen, dass sie jederzeit von dort vertrieben werden können, ist nur ein Beispiel für eine ­Lebenseinstellung, in der für Verzweiflung kein Platz ist, wohl aber für Trauer, Melancholie, Zweifel, aber auch Hochzeit und Gesang.
Emmanuelle Demoris führt das Publikum an einen unbekannten Ort und lässt sich von Mafrouza die Gesetze seiner Darstellung vorschreiben – die Gesetze der improvisierenden Kleinarbeit.

Text: Bert Rebhandl

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Mafrouza“ im Kino in Berlin

Mafrouza, Frankreich 2007–2010; Regie: Emmanuelle Demoris; 746 Minuten in fünf Teilen; das Kino Arsenal zeigt die Filme seit dem 18. März 2011

Lesen Sie hier: Ein Interview mit Regisseurin Emmanuelle Demoris

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