Kino & Stream

„Mammuth“ im Kino

Mammuth

Über zehn Jahre lang hat Serge Pilardosse (Gйrard Depardieu) im Schlachthof gearbeitet und tausende von Schweinen zur Weiterverarbeitung entkernt, nun steht er, ein Koloss von Mann mit langen strähnigen Haaren, etwas betroffen inmitten seiner Kollegen, die mit Bier und Kartoffelchips seinen Abschied in den sogenannten Ruhestand feiern und ihm als Geschenk für seine loyalen Dienste ein Riesenpuzzle überreichen. Doch mit dem Leben als Rentner weiß Pilardosse nichts anzufangen – zumal ihm, wie sich bei einem Termin bei der Sozialversicherung herausstellt, auch noch die notwendigen Trimester für seinen Rentenanspruch fehlen.
MammuthSo beschließt Pilardosse auf Rat seiner Frau Catherine (Yolande Moreau), die fehlenden Arbeitsbescheinigungen aufzutreiben, und hievt seinen schweren Körper mit erstaunlicher Wendigkeit auf eine legendäre Münch-4 TTS-E 1200, die er sorgfältig seit den 1970er-Jahren unter einer Plane in seiner Garage konserviert hatte. Was nun folgt, ist ein Roadmovie der besonderen Art, eine Reise über die kurvigen Landstraßen Westfrankreichs in die Vergangenheit, bei der Pilardosse versucht, die Fragmente seines mehr oder weniger deklarierten Arbeitslebens in Bäckereien und Weinbergen, auf Wochenmärkten und in Nachtclubs wie Teile eines Puzzles wieder zusammenzusetzen. Aber Depardieu als Easy Rider im schmuddeligen Unterhemd und mit wehenden langen Haaren unter seinem antiquierten Motorradhelm erinnert eher an Sancho Pansa auf seiner Rosinante als an Dennis Hopper: Eine Chance, die fehlenden Papiere für seine Rente zu finden, hat er letztlich nicht.
Zugegeben, „Mammuth“ ist ein kleiner Film mit vielen Schwächen, aber dennoch durchaus sehenswert. Witzig und melancholisch zugleich, spiegelt er auf originelle Weise eine Gesellschaft wider, in der sich die einst vielbeschworene Kultur und Solidarität der Arbeiterklasse schon lange verabschiedet und die Arbeit ihren Stellenwert verloren hat. Vor allem aber hat das Regie-Tandem Benoоt Delйpine und Gustave Kervern hier in seinem vierten Spielfilm dem Mythos Depardieu mit Pilardosse eine wunderbare Rolle geschenkt, in der er sein immenses Talent als Schauspieler endlich wieder einmal voll entfalten kann.

Text: Barbara Lorey

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Mammuth“ im Kino in Berlin“

MAMMUTH, Frankreich 2010; Regie: Benoоt Delйpine und Gustave Kervern; Darsteller: Gйrard Depardieu (Serge Pilardosse), Isabelle Adjani (Serges verlorene Liebe), Yolande Moreau (Catherine Pilardosse); 91 Minuten

Kinostart: 16. September

Mehr über Cookies erfahren