• Kino & Stream
  • Mamoru Hosodas Animationsfilm „Summer Wars“ auf der Berlinale 2010

Kino & Stream

Mamoru Hosodas Animationsfilm „Summer Wars“ auf der Berlinale 2010

In einer Gesellschaft, in der viele Menschen tagtäglich mehrere Stunden vor dem Computer verbringen, hat man schnell einmal mehr „Freunde“ auf Face­book als reale Bekannte, mit denen man Fußball spielen oder in die Kneipe gehen könnte. Und ein Stück weit ist es auch erschreckend zu sehen, wie schnell die Dinge ohne das Internet und seine verschiedenen Kommunikationsplattformen gar nicht mehr funktionieren – und sich auch niemand mehr erinnern kann, wie man vormals ohne das Web zurechtkam.
Der japanische Regisseur Mamoru Hosoda und sein Drehbuchautor Satoko Okudera (die bereits bei „Das Mädchen, das durch die Zeit sprang“ zusammenarbeiteten) mussten also gar nicht besonders weit in die Zukunft denken, um in ihrem gescheiten Animefilm „Summer Wars“ von einer virtuellen Welt namens „Oz“ zu erzählen, in der sich nicht nur Privatpersonen per Avatar durch typische Shopping- und Entertainmentangebote bewegen, sondern auch ganze Staaten einen Benutzeraccount haben, um ihre Angelegenheiten per Mausklick regeln zu können. Einer der Protagonisten der Geschichte, die die Filmemacher um dieses Netzwerk spinnen, ist der Oberschüler Kenji, ein schüchternes Mathematikgenie, das immerhin den geplanten Ferienjob als „Oz“-Administrator sausen lässt, als ihn die hübsche Natsuki bittet, mit ihr zur Feier des 90. Geburtstags ihrer Großmutter zu reisen. Kaum im Domizil von Natsukis Familie angekommen, sieht sich Kenji jedoch plötzlich als Staatsfeind Nr. 1 in den Fernsehnachrichten: Ihm wird vorgeworfen, sich ins „Oz“-Netzwerk gehackt zu haben und dort als Killer-Avatar „Love Machine“ eine gewaltige Verwirrung zu stiften, die schnell auch auf die reale Welt übergreift. Als sich Kenjis Unschuld schließlich herausstellt, ist es Natsukis weit verzweigte Familie, die sich auf ihre Samurai-Tradition besinnt und – jeder nach seinen Fähigkeiten – den Kampf gegen den verspielten Internet-Killer aufnimmt.
Wohl selten hat die abgegriffene Bezeichnung „Familienfilm“ mehr Berechtigung gehabt als bei „Summer Wars“: Nicht allein, dass es tatsächlich Menschen fast jeden Alters Spaß machen müsste, sich in die beiden fantasievoll gezeichneten (und völlig unterschiedlichen) Sphären des Films zu versenken, „Summer Wars“ zeigt eben auch, dass die realen (familiären) Beziehungen der Menschen zueinander immer noch mehr Kraft entwickeln können als ein fehlgeschlagenes Internetexperiment. Dabei betreibt der Film keineswegs Schönfärberei – Natsukis verschiedene Verwandte sind genauso anstrengend, peinlich, langweilig, lustig und großartig wie es die Onkel, Tanten und Cousins im wirklichen Leben eben auch sind. Komödie und Tragik liegen dabei dicht beieinander: Hosada und Okudera ist mit „Summer Wars“ ganz großes und sehr menschliches Entertainment gelungen.

Text: Lars Penning

Summer Wars
(Generation 14plus)
19.2., 9.00,
Babylon
20.2., 19.30,
Babylon

Zur Übersicht: Heute auf der Berlinale 

Mehr über Cookies erfahren