Kino & Stream

„The Man from London“ im Kino

The Man from London„, Bйla Tarrs jüngster Film, ist von einer undurchdringlichen Mattigkeit geprägt. Sie ist grundiert von milchigem Nebel und dem schläfrigen Klang der Wellen, die sich an den altertümlichen Hafenmauern der französischen Stadt brechen, in der er spielt. Von den ersten Einstellungen an erfasst eine dunkle, schwermütige Stimmung den Film. Langsam und wie mit einer Zentnerlast beschwert, bewegt sich die Kamera in kunstvoll arrangierten, installativen Plansequenzen. Saugendes Schwarz und gleißendes Weiß verwischen und mischen sich im groben Korn des 35-Millimeter-Materials.
Der ungarische Regisseur Bйla Tarr (der mit Filmen wie „Werckmeister harmуniбk“ und „Sбtбn­tangу“ zahlreiche internationale Regisseure, unter ihnen Gus van Sant, beeinflusste) und sein deutscher Kameramann Fred Kelemen (selbst Regisseur, der an der Berliner Filmschule dffb studierte) haben in der Kriminalromanvorlage von Georges Simenon nicht einen vorwärtsgerichteten Plot mit überraschenden Wendungen oder psychologischen Entwick­lungen, sondern Anlass für mentale Bilder von Verstrickung und Schuld gesucht.
Die Geschichte von Maloin, der nachts das Gleisstellwerk des Hafens bedient, dabei einen Mord beobachtet und kurz darauf an die Beute gelangt (einen Koffer voller Banknoten), bietet dem Regisseur die Möglichkeit, seine in den vorigen Filmen entwickelte düster dröhnende Ästhetik der Langsam­keit weiter zu verfolgen. So erlebt die Hauptfigur die Entwicklungen, die von einem Inspektor aus London vorangetrieben werden, als emotionale und moralische Überforderung. Das Verbrechen, dessen Nutznießer er ist, entfremdet ihn zusehends – von sich, seiner Familie, seiner Arbeit und den spärlichen Vergnügungen seines Lebens. Ein Zeuge macht sich schuldig und reißt die Täter, aber auch sich und seine Familie, ins Verderben.
Dabei lastet das bildliche Konzept des Films schwer auf dem Film und seinen Figuren. Von mo­notoner, bisweilen sakraler Musik unterlegt, wirken alle Handlungen wie Rituale, deren Sinn und Bewegungsrichtung zugunsten des künstlerischen Ausdruckswillens des Regisseurs verschwunden sind. Der allgemeinen Erschöpfung des Films geben sich selbst Schauspielerinnen wie Tilda Swin­ton hin. Wie alle anderen Darsteller ist sie dem angedickten Kunstgewerbe Tarrs unterworfen.

Text: Michael Baute

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „The Man from London“ im Kino in Berlin

The Man from London (A londoni fйrfi), Ungarn/Frankreich/Deutschland 2007; Regie: Bйla Tarr; Darsteller: Miroslav Krobot (Maloin), Tilda Swinton (Camйlia), Бgi Szirtes (Mrs. Brown); Schwarz-Weiß, 139 Minuten

Kinostart: 12. November

Mehr über Cookies erfahren