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„Man tänker sitt“ im Kino

man_taenker_sittEigentlich müssten die von Henry David Thoreau entnommenen Sentenzen über Nonkonformismus, gesteigerten Eigensinn und Natur­erleben aus dem Mund des 11-jährigen Sebastian naseweis und falsch klingen. Doch ihre seltsam übertriebene Emphase, gekoppelt mit der gegen Ende immer chorischer gestalteten Ambient-low-fi-Musik des Films, verbindet sich rasch zu einem überraschend stimmigen Ganzen. Der von Sommersprossen besprenkelte Sebastian ist die Erzähler- und Hauptfigur von Fredrik Wenzels und Henrik Hellströms Film. „Man tänker sitt“ übernimmt größtenteils seine leicht verrückende Perspektive auf die suburbane Siedlung in Westschweden, von der der improvisiert wirkende Film erzählt. Mit Sebastian blickt man auf die akkuraten Reihenhäuser, Kleingärten und wie geleckt ausschauenden Zufahrtsstraßen, auf denen sich kaum je einer der Bewohner zeigt.

Man könnte vorschnell meinen, hier würde simple Kritik an der abgeriegelten Existenz eines universellen Kleinbürgertums betrieben. Doch das scheinbar abgezirkelt Spießige der Siedlung ist in „Man tänker sitt“ ausschließlich bevölkert von seltsamen, kauzigen, verstörenden Charakteren. Der Film betrachtet diese Figuren, die von Laien dargestellt sind, mit einer sprunghaften, fahrigen Aufmerksamkeit und kippt so rasch die Vorahnungen, die man beim Anblick der Suburbia-Hölle haben könnte. Da ist beispielsweise Jimmy, der mit irritierender Fürsorge ständig sein Baby auf dem Arm trägt. Oder Anders, den man häufig so joggen sieht, als versuche er, seinen eigenen Schatten zu jagen. Alle Charaktere des Films wirken, als seien sie irgendwann der auf Regeln und Anstand fixierten Gesellschaft verloren gegangen. Sie sind bizarre Grenzgänger. Das mag mit der seltsam wuchernden Natur zu tun haben, die die Siedlung und die Bewohner umgibt. Immer wieder reißt der mitreißend mit HD-Kamera fotografierte Low-Budget-Film mit seinen Figuren aus in die grau-gelben Felder, tiefgrünen Wälder, zum Bach und zum nahen See. Aus diesem Naturerleben (und mit Henry David Thoreaus Gedanken aus „Walden“ im Hinterkopf) speist sich die verblüffende Intimität des Films.

Text: Michael Baute

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Man tänker sitt“ im Kino in Berlin

Man tänker sitt Schweden 2009; Regie: Fredrik Wenzel, Henrik Hellström; ­Darsteller: Sebastian Eklund (Sebastian), Jörgen Svensson (Jimmy), Hannes Sandahl (Anders); 76 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 3. März

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