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„Maps To The Stars“ im Kino

Maps To The Stars

In seinen Filmen hat sich David Cronenberg immer schon für sehr extravagante psychische Störungsbilder interessiert – und für die speziellen Wege, auf denen sie weitergegeben werden. Von den sexuell entfesselnden Parasiten in „Shivers“ bis zu den Computerspielviren in „eXistenZ“, die über künstliche Nabelschnüre ins zentrale Nervensystem ihrer Wirte schleichen, hat der kanadische Regisseur Psychosen als ansteckende, sehr manifeste Krankheiten gedeutet, die mit kreativen und oft grausamen Selbsttherapien bekämpft werden.
Wenn in seinem neuen Film „Maps to The Stars“ die Gedanken seiner Heldin Agatha Weiss (Mia Wasikowska) allzu bedrängend werden, dann hilft dieser jungen Frau nur noch ein Mantra weiter, das vom Sterben und der Hoffnung auf Wiedergeburt handelt.
„Auf die Stufen des Todes schreibe ich deinen Namen“, deklamiert sie und lädt dann ihren 13-jährigen Bruder auf den Todestrip ein. Agathas Rückkehr nach Hollywood steht unter keinem guten Stern. Die letzten Jahre hat sie weggesperrt in einer Psychiatrie in Florida verbracht, in die sie nach Brandstiftung und Mordversuch im Familienheim eingeliefert wurde. Das wenigstens ist die gerichtsfeste Version.
Von der Tat sind ihr Narben am ganzen Körper und das Gefühl geblieben, in Hollywood noch eine Rechnung offen zu haben. Das Drehbuch hilft ihr dabei, sie zu begleichen, schickt ihr einen zögerlichen Liebhaber (Robert Pattinson) mit Drehbuchautor- und Schauspielerambitionen (es ist Los Angeles!) und organisiert einen Job als Assistentin einer selbst zunehmend psychotischen Schauspielerin (Julianne Moore), die ihren Karrierezenit überschritten hat. Ausgerechnet Agathas Vater (John Cusack), ein populärer Psychotherapeut mit Dauerwerbesendung, will diese Star-Klientin mit seinen sexuell aufgeladenen Massagen heilen. Agathas Mutter (Olivia Williams) managt unterdessen den 13-jährigen Bruder, der seine Millionen als Teenstar verdient, ins nächste, ihn überfordernde Kinoprojekt hinein.
Die Rückkehr der verlorenen Tochter ist Teil eines Plots von wahrhaft antikem, königlich ödipalem Format, von Cronenberg mit schwarzem Humor und äußerster Konsequenz ausgebreitet. Hollywoodselbstbetrachtungen wie „The Player“ von Robert Altman haben von der Filmindustrie schon mit bitterböser Ironie erzählt, Paul Schrader hat zuletzt in seinem Film „The Canyons“ einen Nachruf auf die alte Filmindustrie nachgereicht, besetzt mit Lindsay Lohan, dem drogenversehrten Exstar auf Bewährung, und dem hauptberuflichen Pornoakteur James Deen. Für Cronenberg, der mit einem sehr viel inspirierteren Ensemble arbeitet, ist die Ruinenlandschaft von Hollywood-Babylon nicht Selbstzweck, sondern bloß ein möglicher Hintergrund, um sich auf ganz besondere Familiendynamiken einzulassen. Mit irrwitziger Konsequenz verdreht er konventionelle Bilder kindlicher Unschuld in ihr Gegenteil, zeigt Menschen, die einzig noch in ihren fiktiven Rollen für einen kurzen Augenblick bei sich sind, während sie in ihrem Alltag unaufhörlich schauspielern, und hält am Rand noch der Ex-„Star Wars“-Prinzessin Carrie Fisher – berühmt auch für ihre karrierevernichtenden Depressionen und ihr offenes Buch darüber – die Tür für einen Cameo?auftritt auf.
Das Blutopfer, nach dem Cronenbergs Heldin Agatha strebt, soll die dämonischen Götter, die im Himmel über ?Los Angeles wohnen, ein wenig gnädiger stimmen. Auf dem Weg dahin warten einige Überraschungen, auch sehr blutige, wie der Golden Globe im Atrium einer Hollywood-Villa, der eine Karriere knochensplitternd beenden wird, die er einst begründet hat. Ein doppeldeutiges Bild, ganz nach Cronenbergs Geschmack.

Text: Robert Weixlbaumer

Foto: Daniel McFadden / MFA+ FilmDistribution e.K.

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Maps to the Stars“ im Kino in Berlin

Maps to the Stars, Kanada/USA/Deutschland/Frankreich 2014; ?Regie: David Cronenberg; ?Darsteller: Julianne Moore ?(Havana Segrand), ?Robert Pattinson ?(Jerome Fontana), ?Mia Wasikowska ?(Agatha Weiss); ?112 Min.

Kinostart: Do, 11. September 2014

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