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Maren Ades „Alle Anderen“

Alle AnderenDas Casting von Schnappi dauerte wochenlang, am Ende setzte sich der Favorit aus Hamburg gegen zwei Finalisten aus Berlin durch. Das erste und das letzte Bild von „Alle Anderen“ gehört nun ihm, und auch zwischendurch spielt er keine geringe Rolle. Mal sitzt Schnappi auf dem Sofa im Urlaubshaus in Sardinien, den Kopf nach einem heftigen Zusammenstoß verbunden, und leidet still. Bei anderen Gelegenheiten soll er Liebesdienste leisten: „Du, ich möchte mit dir mal über unser Sexualleben reden“, sagt Chris zu Gitti. „Ich schaff das einfach nicht mehr. Und deshalb habe ich mir Verstärkung geholt.“ Dann kommt Schnappi aus seiner Hose.

Schnappi ist ein Ingwerknollenmännchen, sechs Zentimeter groß, mit zwei Streichhölzern als Beinen und dem Gesichtsprofil des Kleinen Arschlochs. Weil Maren Ade eine sehr gesteigerte Aufmerksamkeit für die Details der Paar-Universen hat, in denen wir unsere erwachsenen Erfahrungen sammeln, ist Schnappi mehr als nur ein absurder Gag. „Alle Anderen“ wirkt so genau beobachtet, als wären viele Szenen des Films direkt aus der Wirklichkeit geschöpft, aber tatsächlich sind es sehr konzentrierte Destillate. An Schnappi bildet sich das Universum der Privatsprache ab, in der Gitti und Chris eine parallele Kommunikationsebene gefunden haben, mit eigenen Witzen und Vokabeln. Das Leben ist auch: Schnappilemma, Schnappigödie, Schnappisas­ter. Und Chris ein: Schnappschwanz.

Lars Eidinger und Birgit Minichmayr erfüllen dieses Paar mit so viel Lebendigkeit und Humor, dass man darüber fast übersehen kann, wie sich darin schon der Ausbruch eines sehr ernsthaften Konflikts ankündigt. Der Sardinienurlaub im Ferienhaus von Chris’ Eltern stellt keinen Gleichklang zwischen ihnen her, fast nie decken sich die Wünsche. Gitti, die sonst Bands für eine Berliner Plattenfirma betreut, und Chris, der von seinen eigenen hohen Ansprüchen vielleicht zu gehemmte Architekt, sind als Paar noch so jung, dass die Frage des Zusammenwohnens noch offen ist, zugleich soll der andere schon alles für einen sein. Die beiden sind nicht bestens präpariert für die Begegnung mit einem anderen, erfolgreicheren Paar, das seine Identität sehr viel stärker behauptet.

Alle Anderen
Maren Ade erzählt davon mit einem komödiantischen Grundton, unter dem sie trotzdem sehr ernste Auseinandersetzungen verhandeln kann. Ihr Film ist ebenso stimmig als Porträt der Kreativ-Generation 30plus, die sich in den unendlichen Möglichkeiten des Selbstentwurfs zu erschöpfen droht, wie in der Zeichnung der einzelnen Charaktere. Chris, dessen anspruchsvolles, aufgeblähtes Über-Ich ihm nicht erlaubt, sich festzulegen, und Gitti, die mit Weichheit den Raum auszufüllen sucht, den er lässt, bis sie überanstrengt glaubt, die eigenen Grenzen mit dem blanken Küchenmesser verteidigen zu müssen. Die Lust, mit der Ade die Konflikte behutsam zuspitzt, ist immens, aber sie wendet sich dabei nie innerlich von ihren Figuren ab. „Alle Anderen“ ist ihnen allen gleichermaßen nah.

Maren Ade ist 32 und lebt in Berlin. Privat ist sie eng mit Filmemachern verbunden, die für einen inzwischen so vielgestaltigen Aufbruch im Deutschen Kino stehen, dass ihn der Begriff „Berliner Schule“ nicht mehr fassen kann. Ulrich Köhler und Valeska Grisebach haben als Berater Credits im Abspann ihres Films. Doch Maren Ade bildet gewissermaßen ihre eigene Schule. „Alle Anderen“ ist erst ihr zweiter Spielfilm nach „Der Wald vor lauter Bäumen“ (2003), aber er beweist erneut ein ganz besonderes Vermögen, in der Beobachtung des Alltagsverhaltens ihrer Protagonisten spielerisch die Register zu wechseln. Was eben noch komödiantisch war, kann den Zuschauer einen Augenblick später auf einer ganz ernsten Gefühlsebene involvieren. Und ebenso leicht, wie sie einen dazu bringt, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt, kitzelt Ade aus leicht entgleisenden Momenten sozialer Kommunikation einen sehr speziellen, nuancenreichen Humor. Die Fähigkeit, alles doppelt lesbar zu machen, Ambivalenz herzustellen, wo andere Filme schlechte Eindeutigkeit suchen würden, durchdringt alle Ebenen von „Alle Anderen“, spiegelt sich noch im akribisch gestalteten Dekor wider, in den teuren Nippessammlungen des Elternhauses, die ihre eigenen Botschaften in sich tragen. Selbst sie haben ihre eigene Schönheit, so wie der schmelzende Song von Cat Stevens, der über dem Abspann noch einmal davon singt, wie die Worte den anderen und die Liebe immer verfehlen. Bevor noch einmal Schnappi kommt.

Text
: Robert Weixlbaumer

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(tip-Bewertung: Herausragend)

Alle Anderen im Kino in Berlin
Deutschland 2009;
Regie: Maren Ade; Darsteller: Birgit Minichmayr (Gitti), Lars Eidinger (Chris), Hans-Jochen Wagner (Hans), Nicole Marischka (Sana); Farbe, 124 Minuten;
Kinostart: 18. Juni

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