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„Margos Spuren“ im Kino

Margos Spuren

Der Blick in das Fenster der Nachbarn kann manchmal großes Kino sein. Zum Beispiel für Quentin, einen typischen amerikanischen Teenager in einer dieser Städte, in denen man noch Beziehungen quer über die Straße unterhält. Quentin hatte immer ein Auge auf Margo. Als sie Kinder waren, schien zwischen ihnen alles klar. Mit dem Fahrrad dahinzustrampeln, das war schon das höchste der Gefühle. Quentin und Margo waren ein Paar, ohne dass ihnen dies bewusst gewesen wäre. Doch nun ist das Mädchen dem Jungen deutlich entwachsen, sie ist cooler, geheimnisvoller, und sie trifft sich mit anderen Jungs. Für Quentin ist sie eine Art Filmstar geworden, eine Erscheinung auf Distanz. Umso größer ist sein Erstaunen, als sie ihn eines Nachts mit auf eine Expedition nimmt.
So beginnt das Abenteuer in Jake Schreiers Film „Margos Spuren“, einem der schönsten amerikanischen Filme über das Ende der Pubertät seit langer Zeit. Er beruht auf einem Buch von John Green, der auch die Vorlage zu „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ geschrieben hat, einem höchst erfolgreichen Film, in dessen wehmütiger Grundstimmung sich zahllose Jugendliche wiedererkannten.
Im Juni war Green für einen Promotiontermin in Berlin, und zwischen zahlreichen Autogrammwünschen und Gruppenselfies gab es auch für den tip eine Viertelstunde mit dem gefragten Autor. Green erwies sich als ausgesprochen sympathischer Mann, der genau erklären kann, warum seine Bücher auch für Erwachsene von Interesse sind.
Margos Spuren„Ich schreibe gern über Teenager, weil ich mich damit näher an das Leben herantaste. Sie tun so viele Dinge zum ersten Mal: Sie verlieben sich, sie leiden heftig, sie stellen große Fragen. Und sie tun das alles ungeschützt, während wir Erwachsene die großen Gefühle häufig nur noch in Anführungszeichen setzen.“ Als Autor, aber auch als Vlogger von aufklärerischen Videos auf Youtube, hat Green eine „Wette gegen die Ironie“ laufen, wie er sagt. Es ist diese Ehrlichkeit, die ihn vermutlich so beliebt macht, wobei das alles nur klappen kann, weil er nicht nur Meinungen äußert, sondern auch sehr genau beobachtet. In „Margos Spuren“ hängt Quentin meistens mit zwei Freunden ab, sie bilden eines dieser klassischen Trios mit einem Nerd, einem sympathischen Zweiten und einem Star, wie wir sie aus so vielen amerikanischen Filmen kennen. Aber die Figuren sind mit Liebe gezeichnet, und die populäre Blondine, die in diesen Zusammenhängen unausweichlich ist, wird sehr überzeugend ebenfalls zur Sympathieträgerin.
Im Mittelpunkt steht eine Projektionsfigur: Margo (Cara Delevingne) entzieht sich, die Suche nach ihr bildet den Hauptteil des Films, eine große Fahrt, die gleichsam aus der Naivität der Jugend hinausführt, dem Leben aber neue Formen des Zaubers hinzufügt.
Margos SpurenSowohl als Autor wie als Internetstar hätte Green inzwischen alle Möglichkeiten. Doch er bevorzugt persönlich eine diskrete Rolle. So hat er sich zum Beispiel bewusst dagegen entschieden, in New York oder Los Angeles zu leben. „Meine Frau ist Kuratorin für Moderne Kunst, sie hat in Indianapolis eine gute Stelle. So kam es, dass wir in der durchschnittlichsten Stadt Amerikas leben. Wenn eine neue Fast-Food-Kette oder so etwas auf den Markt kommen möchte, wird das immer in Indianapolis getestet. Das passt mir hier, ich sehe mir die Dinge lieber von der Seite aus an.“
Diese Außenseiterposition ist auch den Teenagern eigen, von denen er mit so viel Feingefühl und Sinn für subtile Pointen schreibt. „Im Grunde ist das für mich die beste Weise, von Amerika zu erzählen. Das Land steckt für meine Begriffe nämlich auch noch in der Pubertät und will nie so richtig erwachsen werden.“ Adoleszenz hat viel damit zu tun, dass man Rollen abstreifen muss, die jemand anderer für einen schreibt. Insofern ist Margo, die eigenwillige Exzentrikerin, ein großes Vorbild, das aber auch die Kehrseite dieses Unterfangens aufzeigt: Wenn man nicht aufpasst, kann man plötzlich ziemlich allein dastehen. John Green weiß bestens Bescheid um diese Spannung zwischen dem „man selbst sein“ und „wie jemand anderer sein wollen“. Von dieser Spannung leben seine Bücher: Kopfkino im besten Sinn – und mit „Margos Spuren“ auch wieder richtiges Kino.

Text: Bert Rebhandl

Fotos: 2015 Twentieth Century Fox

Orte und Zeiten: „Margos Spuren“ im Kino in Berlin

Margos Spuren (Paper Towns), USA 2015; Regie: Jake Schreier; Darsteller: Cara Delevingne (Margo Roth Spiegelman), Nat Wolff (Quentin Jacobsen), Halston Sage (Lacey Pemberton); 110 Minuten

Kinostart: Do, 30. Juli 2015

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