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Maria Speth über ihre Doku „9 Leben“

Maria Spethtip: Frau Speth, wie kam es, dass Sie nach zwei Spielfilmen mit „9 Leben“ nun einen Dokumentarfilm gemacht haben, über Jugendliche, die in Berlin auf der Straße leben oder gelebt haben?

Maria Speth: Bei meinem letzten Spielfilmprojekt „madonnen“ hat mir jemand ein Buch in die Hand gedrückt mit dem Titel „Dann hau‘ ich eben ab“. Es enthielt Gespräche mit Eltern von Kindern, die von zu Hause weggelaufen sind. Das Buch sollte mich animieren, mit Fanny, einer der Hauptfiguren in „madonnen“, die damals zwölf Jahre alt war, weiterzuarbeiten. Ich habe daraufhin ein Exposй für einen Spielfilm geschrieben und angefangen, unter Straßenkindern in Berlin zu recherchieren, um ein Drehbuch zu entwickeln. In dem Projekt geht es darum, dass eine Mutter nach Berlin kommt, um ein totes Mädchen zu identifizieren, bei dem man den Ausweis ihrer Tochter gefunden hat. Dieser Film ist zurzeit in der Finanzierungsphase.

tip: „9 Leben“ ist also aus den Recherchen für diesen Spielfilm entstanden?

Speth: Im Grunde ja. Ich habe ein Jahr lang recherchiert, indem ich Kontakt zu Vereinen und Institutionen in Berlin aufgenommen habe, die solchen jungen Leuten eine Anlaufstelle bieten. Das Klik in der Torstraße ist so ein Ort, wo sie hingehen können, um zu essen und sich zu waschen. Da gibt es zum Beispiel auch eine Tierärztin, die kommt zweimal die Woche, weil die Kinder, die auf der Straße leben, eben auch oft viele Hunde haben. Außerdem gibt es noch Karuna e.V., die haben auch Werkstätten in Friedrichshain, wo die Jugendlichen sich kreativ betätigen können. Im Westteil der Stadt gibt es das KuB, das bietet ein Sleep-in, das auch im Film erwähnt wird: Minderjährige können dort zwölf Nächte im Monat schlafen, Erwachsene sechs Nächte.

tip: Und in diesen Institutionen haben Sie die Protagonisten gefunden: Za, Sunny, Krümel, Stöpsel, wie sie alle heißen …

Speth: Wie gesagt hatte ich zunächst gar nicht die Absicht, eine dokumentarische Arbeit zu machen. Die Idee dazu entstand nach einigen Monaten, als ich bestimmte Jugendliche kennengelernt hatte. Ich war fasziniert von ihrer Lebensenergie, aber auch berührt von ihrer Verletztheit und den doch dramatischen Sachen, die sie in ihren jungen Jahren schon erlebt haben. Dazu kamen ihre Talente und künstlerischen Fähigkeiten. Ich fand eine unglaubliche Vielfalt von Straßenleben, die nicht unbedingt den Klischeevorstellungen entspricht.

9_Lebentip: War es schwierig für diese innerlich ja vielfach schwer verletzten jungen Leute, sich vor der Kamera zu öffnen? Zumal sie ja vor einem abstrakten, weißen Studio-Hintergrund auftreten, also nicht in einer „natürlichen“ Umgebung?

Speth: Für mich lag da schon noch eine Spannung drin: Ist es überhaupt möglich, in einem solchen Setting so intime Gespräche zu führen? Das habe ich mir gewünscht, konnte ich aber nicht voraussehen. Wir haben den Film in acht Tagen gedreht, da kam es auch darauf an: In welcher Verfassung sind die Jugendlichen da gerade? Manchmal gibt es ja abrupte Veränderungen in ihrem Leben. Aber sie waren alle sehr zuverlässig und hatten große Lust, sich darauf einzulassen. Vertrauen war die Grundbedingung.

tip: Welche Vorteile hat das besondere Setting von „9 Leben“, bei dem Reinhold Vorschneider wie schon bei Ihren Spielfilmen die Kamera gemacht hat?

Speth: Das war von Anfang an klar, dass ich in Schwarz-Weiß und vor einem neutralen Hintergrund drehen wollte. Wir haben vor Beginn der Dreharbeiten ein Fotoprojekt gemacht mit Matthias Bothor, da konnten wir ein Gefühl dafür bekommen, in welche Richtung das visuell gehen soll. Inhaltlich ging es mir darum, diese Persönlichkeiten in einer Art Reinform zu zeigen. Das Milieu und die Lebensumstände hätten davon nur abgelenkt, und ich hatte das Gefühl, das kennt man schon aus so vielen Fernsehdokumentationen. Deswegen kam das für mich nicht infrage.

tip: Der Stil des Films wird durch den unspezifischen Hintergrund wesentlich auch vom Stil der Protagonisten geprägt, die mit ihren Piercings und Tätowierungen, mit ihrer Kleidung schon viel
erzählen.

9 LebenSpeth: Ich glaube, dieser Look hat sehr viel mit Schmerz zu tun. Also Schmerz, der bei dieser Art von Körpergestaltung zugefügt wird,  steht vielleicht in direktem Zusammenhang mit einem inneren Leid. Sunny, die sehr viele Piercings trägt, habe ich immer als Kriegerin bezeichnet, die mit ihrem Kriegsschmuck der Welt zeigt, dass sie jede Verletzung überlebt.

tip: „9 Leben“ bleibt auch mit Ihren Fragen auf einer respektvollen Distanz – nicht jedes Trauma muss ausdrücklich angesprochen werden.

Speth: Ich wollte es der Bereitschaft der einzelnen überlassen, was sie von ihren seelischen Verletzungen preisgeben wollen. Mein Gedanke ging in die Richtung, dass ich unterschiedliche Biografien präsentiere, die sich in der Montage zu einem Ganzen zusammensetzen. Wir haben mit einzelnen Porträts begonnen und dann Verbindungen hergestellt. Dadurch erschließt sich vieles, auch wenn manche Dinge nicht konkret benannt werden. Ich habe versucht, aus der emotionalen Energie ein Verbindungselement zu gewinnen, ein fiktives Gespräch zwischen den Protagonisten zu gestalten, bei dem ich in den Hintergrund trete.

tip: Der Film heißt „9 Leben“, hat aber keine neun Protagonisten, oder habe ich mich verzählt?

Speth: Ursprünglich wollte ich mal neun junge Leute porträtieren, musste dann im Lauf der Montage aber auf den einen oder anderen verzichten, was sehr schmerzhaft war. Ich mochte aber die Poesie des Titels und die Assoziation mit den neun Leben der Katze. Jeder von diesen Protagonisten hat ja wirklich schon mehrere Leben hinter sich und hoffentlich noch einige vor sich.

tip: Mit Stöpsel kommt in der zweiten Hälfte ein markantes Element in den Film: eine neue – anscheinend gelingende – Familie, eine Punk-Großfamilie.

Speth: Natürlich haben diese Menschen, genauso wie die meisten von uns, den Wunsch nach Partnerschaft und nach intakten familiären Strukturen. Das Scheitern der Familie in ihrer Kindheit und Jugend bedeutet ja nicht, dass es diesen Wunsch nicht mehr gibt. Das Leben auf der Straße ist nicht unbedingt eine politische Kritik der Institution Familie. Mittlerweile haben Stöpsel und ihr Freund sieben Kinder, alles Jungs. Und ich finde es beeindruckend, mit welch positiver Energie Stöpsel ihre Familie organisiert und versucht, ihren Kindern eine Zukunft zu ermöglichen.

Interview: Bert Rebhandl

Foto: Maria Speth / fotostudio-charlottenburg (oben), Reinhold Vorschneider / Madonnen Film

Zur Person
Maria Speth, 1967 in Bayern geboren, hat ursprünglich Schauspiel gelernt. Ab 1996 studierte sie an der HFF Potsdam-Babelsberg Regie, der erste abendfüllende Spielfilm „In den Tag hinein“ (2001) war zugleich ihr Abschlussfilm. 2007 folgte mit „madonnen“ der zweite Spielfilm, in dem Sandra Hüller im Mittelpunkt eines prekären Fami­lienzusammenhangs steht. Maria Speth arbeitet in der Regel mit dem Kameramann Reinhold Vorschneider, der viel zu der ausgeprägten Ästhetik ihrer Arbeiten
beiträgt.

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