Wiederentdeckung

„Marketa Lazarová“ im Kino

Doppelte Zeitreise – „Marketa Lazarová“ von 1967 besticht durch einen atmosphärischen Bilderrausch.

Foto: 1967 Studio Filmowe Barrandov

Mit einem Überfall im Grenzgebiet zwischen Sachsen und Böhmen beginnt die verschlungene Geschichte von „Marketa Lazarová“, einem tschechoslowakischen Film aus dem Jahr 1967, den die Kritiker später zum besten tschechischen Film aller Zeiten gewählt haben.

Zwei Söhne eines lokalen Barons namens Kozlik tun sich durch allerlei Grausamkeit hervor, sie versäumen es aber, ­einen jungen Deutschen namens Christian zu töten. Sie wollen stattdessen Lösegeld für ihn erpressen. Die darauffolgenden Clanstreitigkeiten ergeben ein veritables „Game of Thrones“ im Kleinen, wobei das Mädchen Marketa dabei die Beute und das Movens der ganzen Geschichte ist. Eine „schöne Helena“, die keinen trojanischen, sondern einfach einen mittelalterlich-barbarischen Kleinkrieg auslöst.

Die Gewalt ist in Frantisek Vlacils knapp dreistündigem Opus aber eingehegt in eine eigentümlich lyrische Weltsicht, die immer wieder den Fortgang der Handlung fast aufzuheben scheint. Ohnehin ist diese Adaption eines modernen Klassikers von Vladislav Vancura, auf Deutsch unter dem Titel ­“Räuberballade“ erschienen und längst vergriffen, nicht so sehr an einem Plot interessiert, sondern an Stimmungen und ungeheuer atmosphärischen Breitwandbildern. Bedrohliche Wölfe, die im Schnee kauern, aber jederzeit angreifen können, sind ein Leitmotiv: „homo homini lupus“.

„Marketa Lazarová“ wurde vor einigen Jahren von der renommierten Criterion Collection in New York in ihren Weltkino­katalog aufgenommen, bei uns hat sich nun das ­verdienstvolle „Bildstörung“-Label der Sache angenommen und bringt eine prächtige Digitalisierung ins Kino. Wer sich darauf einlässt, wird mit einer doppelten Zeitreise belohnt – in eine Welt, die wir so bisher nur von Sowjetkünstlern wie Andrej Tarkowski oder Alexei German kannten (mit „Andrej Rublow“ als naheliegender Assoziation), aber auch in eine Epoche, in der das Kino sich noch auf derartige Abenteuer einließ.

Marketa Lazarová TCH 1967, 165 Min., R: František Vláčil, D: Magda Vásáryová, Josef Kemr, Nada Hejna, Start: 1.12.

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