Kino & Stream

„Marry Me!“ im Kino

Marry Me!

Die Idee, das Grundmuster der Multikulti-Komödie in der indischen Variante durchzuspielen, ist nicht ohne Plausibilität: Indien erhöht den Exotikfaktor und reduziert den lebensweltlichen Bezug des Zuschauers. Die verwendeten Zutaten stehen dann prompt ganz vorne im Regal der gängigen Assoziationen: Roti und Pakoras, Yoga und Kamasutra, ?die herzliche Großfamilie und die weibliche Unfreiheit, schillernde Saris und natürlich Bollywood.
Damit fängt die Geschichte an: Kishora, genannt Kissy, träumt im Bett ihres Lovers, den sie Minuten später verlassen wird, von einer wilden Tanzszene über den Dächern von Kreuzberg, in der sie ein „richtiges“ Frauenleben mit Mann und Kind einfordert – etwas, das ihr im Wachzustand gestohlen bleiben kann. Ein Kind hat sie ohnehin schon, dazu ein kleines Cafй und eine Groß-WG in dem Mietshaus, das sie von ihrer Mutter geerbt hat.
Doch dann kommt die resolute Großmutter vom Subkontinent angereist und droht, das Haus zu verkaufen, wenn Kissy nicht endlich den lebensuntauglichen Erzeuger ihrer Tochter heiratet, natürlich nach indischem Ritus inklusive Reitelefant. Das folgende Spiel von Lüge und Illusion ist klassische Komödienware, birgt aber einen interessanten Kern: Denn Kissy muss ihre Vorstellung von Freiheit verteidigen und gleichzeitig begreifen, dass Trotz und Verdrängung als Handlungsimpulse eine eigene Unfreiheit hervorbringen.
Doch leider fehlt es diesem heiteren Kreuzberg-Massala eindeutig an Ingwer und Chili. Das Spielfilmdebüt von Regisseurin Neelesha Barthel ist so routiniert und fernsehtauglich weginszeniert, dass der kulturelle Konflikt zum Ausstattungsdetail verkümmert. Ironischerweise sorgt gerade das aus der Zeit gefallene ostdeutsche Paar, wunderbar gespielt von Renate Krößner und Wolfgang Stumph, mit seiner melancholischen Sehnsucht nach Leipzig für eine subtile, zeithistorische Exotik.

Text: Stella Donata Haag

Foto: Britta Krehl / Wüste Film Ost

Orte und Zeiten: „Marry Me!“ im Kino in Berlin

Marry Me!, Deutschland 2014; Regie: Neelesha Barthel; Darsteller: Maryam Zaree (Kissy), Fahri Yardim (Karim), Bharati Jaffrey (Sujata); 94 Minuten

Kinostart: Do, 02. Juli 2015

Berlin am besten erleben
Dein wöchentlicher Newsletter für Kultur, Genuss und Stadtleben
Newsletter preview on iPad