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„Martha Marcy May Marlene“ im Kino

Martha Marcy May Marlene

Es ist noch früh am Morgen, da verlässt eine junge Frau ein Haus in einer ländlichen Gegend. Sie stiehlt sich davon, sucht das Weite, irrt durch einen Wald und landet in einer kleinen Stadt. Hier muss sie sehen, wie sie weiter vorgeht. Denn offensichtlich befindet sie sich auf der Flucht, und zwar vor einer Gruppe von Leuten, die sie nicht einfach so gehen lassen wollen. Martha (Elizabeth Olsen) entscheidet sich für die einzige Möglichkeit, die ihr in diesem Moment einfällt: Sie ruft ihre Schwester Lucy an, zu der sie viele Jahre keinen Kontakt gehabt hatte. Und dann wartet sie ängstlich, ob Lucy rechtzeitig kommen wird, um sie in Sicherheit zu bringen.
Mit dieser klassischen Thriller-Eröffnung legt Sean Durkin in „Martha Marcy May Marlene“ die Grundlage für eine spannende Suche nach den Gründen für Marthas Verstörung. In dem Ferienhaus, in dem Lucy mit ihrem auch hier noch gestressten Mann, dem Architekten Ted, ihr Zuflucht gewährt, fühlt Martha sich gleichwohl nicht sicher. Sie schweigt sich aus über das, was sie in den letzten Jahren erlebt hat, in Rückblenden verrät Sean Durkin es aber immerhin dem Publikum seines Films.
Martha Marcy May MarleneMartha hat bei einer Art Sekte gelebt, mit einer Gruppe von jungen Leuten, die auf den ersten Blick nicht mehr vereint als ihr Wille, auszusteigen. Und ihre Willfährigkeit gegenüber Patrick, dem ebenso charismatischen wie autoritären Anführer, der seine Macht über Martha zuerst einmal dadurch demonstriert, dass er sie „tauft“: Er gibt ihr einen neuen Namen, für ihn ist sie Marcy May, und im Leben der Gruppe trägt sie auch den Namen Marlene. So nennen sich die Mädchen, wenn sie in Kontakt mit der Außenwelt treten. Die Autorität von Patrick ist auch eine sexuelle: Er lässt sich die Mädchen zuführen, übt an ihnen das Recht der ersten Nacht aus, und dieses Machtgefüge ist umso stärker, als es die Mädchen selbst sind, die dieses Ritual organisieren.
Aber dieses Spiel von Dominanz und Unterwerfung ist nur die Vorstufe zu einer grundlegenderen Spannung, in der die Macht über Leben und Tod ins Spiel kommt. Hinter jedem Motiv verbirgt sich in „Martha Marcy May Marlene“ ein anderes, und die Spannung beruht zu einem großen Teil darauf, dass nichts vollständig aufgeht. Kein Erklärungsmodell reicht aus, keine Vermutung wird vollständig bestätigt, und die sinistre Attraktivität von John Hawkes, dem Darsteller des Patrick, korrespondiert perfekt mit der Introvertiertheit von Elizabeth Olsen, die Martha sehr gut als eine sich selbst fremde Figur spielt.

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