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Martin Scorsese-Ausstellung im Filmmuseum

Martin Scorsese

tip Frau Jaspers, Herr Warnecke, Scorseses Werk umfasst über 40 Titel. Es greift aus in unterschiedliche Richtungen: Spielfilme, Dokumentationen, Musikfilme. Wie bildet man diese Vielfalt in einer Ausstellung ab?
Nils Warnecke Obwohl er kein Autorenfilmer im hiesigen Sinne ist – er steht zwischen Europa und Hollywood –, ist seine Arbeit stark autobiographisch geprägt.
Kristina Jaspers Das hat den ersten Teil der Schau über das Personal seiner Filme motiviert: die Familie, die ungleichen Brüderpaare, die „lonely heroes“. Der nächste ist der Stadt gewidmet. Wir haben ein kleines Modell von New York anfertigen lassen, in dem exemplarisch Drehorte markiert sind. Man sieht, wie sich sein Kino in konzentrischen Kreisen entfaltet, ausgehend von Little Italy über die anderen Stadtbezirke bis nach New Jersey, wo „Goodfellas“ spielt.
Nils Warnecke Die nächsten Erzählstränge sind seine Liebe zum Kino und die Komposition seiner eigenen Filme.

tip Scorsese ist bekannt dafür, dass er seine Filme gewissermaßen erst im Schneideraum findet. Wie lässt sich dieser langwierige Prozess veranschaulichen?
Kristina Jaspers Es gibt beispielsweise Skizzen, auf denen man sieht, welche unterschiedlichen Versionen es von Sequenzen aus „Raging Bull“ gab. Im Gegenzug sind Passagen aus der ersten Drehbuchfassung aus den 70er-Jahren von „Gangs of New York“ unverändert geblieben.
Nils Warnecke Scorsese ist insofern ein Sonderfall, da er nicht nur seine eigene Arbeit archiviert, sondern sich auch stark für die Entwicklung und Geschichte seines Mediums interessiert. Er gewährte uns großzügigen Zugang, noch in der letzten Arbeitsphase hat er uns wichtige Anregungen gegeben. Obwohl er intensiv an seinem neuen Film arbeitete, hat er Aufnahmen für unseren Audioguide gemacht, zusammen mit Michael Ballhaus.

Kristina Jaspers, Nils Warnecketip Welchen Platz findet sein Engagement für das Filmerbe?
Kristina Jaspers Das ist sehr wichtig. Als er in den 1990ern anfing, sich für die Restaurierung von Farbfilmen einzusetzen, bat er Kollegen um Hilfe. Da haben wir sehr persönliche Antwortbriefe von Leni Riefenstahl, Malick, Kubrick, Kurosawa und Antonioni gefunden.

tip Gibt es Eigenarten Scorseses, die sich einer Ausstellung entziehen??
Nils Warnecke Im letzten Saal gibt es eine Montage von Szenen, eine Reise durch sein Bilderuniversum. Alle Parameter – Kamera, Schnitt, Musik – sind präzise aufeinander abgestimmt, folgen bis ins kleinste Detail einer Idee. Diese Komplexität lässt sich nur schwer entflechten und in kurzen Ausschnitten vermitteln.

tip Haben Sie durch die Arbeit ein anderes Bild von ihm gewonnen?
Nils Warnecke Sein Image ist ja stark durch die Präsenz der Gewalt geprägt, diesen Sumpf von Schuld und Misstrauen. Tatsächlich spielt sie nur in einem kleinen Teil seines Werks eine Rolle.
Kristina Jaspers Und selbst da zeigt er sich als ein Filmemacher, der nach der Humanität sucht in Zeiten der Gewalt.

Interview: Gerhard Midding

Foto Martin Scorsese: Columbia Tri-Star

Foto Jaspers/Warnecke: Harry Schnitger / tip

Martin Scorsese, Do 10.1. bis So 12.5., Ausstellung im Filmmuseum, Potsdamer Straße 2, Tiergarten

www.deutsche-kinemathek.de

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