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Martina Gedeck über „Die Wand“

Die_Wand_c_StudiocanalGmbHMartina Gedeck, 51, gehört zu den prägenden Charakterdarstellerinnen des deutschen Kinos. Die gebürtige Münchnerin begann ihre Karriere 1985 am Theater, wenige Jahre später spielte sie in TV und Kino erste wichtige Rollen. Mitte der 1990er-Jahre konsolidierte sie mit Filmen wie „Das Leben ist eine Baustelle“ ihren guten Ruf. Mit der Komödie „Bella Martha“ (2001) und insbesondere mit ihrer Hauptrolle in „Das Leben der Anderen“ (2006) kam Gedeck endgültig zu Filmstarruhm. Seither pendelt sie zwischen kleinen Autorenfilmen („Sommer 04“, 2006) und teuren kommerziellen Unternehmungen („Der Baader Meinhof Komplex“, 2008). Seit geraumer Zeit geht Gedeck über das deutsch­sprachige Kino auch hi­naus, drehte mit Robert De Niro („Der gute Hirte“, 2006) und Helen Mirren („Hinter der Tür“, 2012), arbeitete zuletzt mit Bille August an der Seite von Jeremy Irons und spielte neben Isabelle Huppert in dem Klosterfilm „La religieuse“.

Frau Gedeck, „Die Wand“, der 1963 erschienene Roman der Oberösterreicherin Marlen Haushofer, galt als praktisch unverfilmbar. Hatten Sie nicht Angst davor, an diesem surrealistischen Stoff zu scheitern?
Für mich hat es als Arbeit und Aufgabe immer funktioniert, von Beginn an. Ich konnte ja nicht viel vorbereiten, hatte keinen Text zu spielen. Also reduzierte ich die Rolle erst mal auf die Frage, was diese Figur die ganze Zeit über tut, welche physischen Handlungen sie setzt. Mir wurde klar, dass sie ganz alltägliche Dinge tut – und wen sollte das denn im Kino interessieren? Beim Spielen fand ich aber doch, da ereignet sich vieles, sogar Aufregendes. Plötzlich erschien mir das ganz reich.

Sie stellen einen starken physischen Realismus her in dieser so unwirklich anmutenden Erzählung. Mussten Sie die täglichen Handgriffe des Landlebens, von der Feldarbeit bis zur Geburt eines Kalbes, nicht erst mühsam erlernen?
Ja, ich befasste mich beispielsweise intensiv mit der Sense – was ich für Dreharbeiten einst schon mal gelernt hatte und daher nicht so viel Scheu davor hatte. Ein Bauer namens Karl, der die Arbeit mit der Sense noch beherrscht, frischte meine Erinnerungen auf. Dann kam das Melken, überhaupt der Umgang mit den Tieren: Man muss da erst seine Angst verlieren, denn etwa Kühe sind höchst sensibel und lassen sich nicht einfach so anfassen. Das waren die Klippen und Schwierigkeiten dieses Films. Ich hatte aber bereits im Vorfeld trainiert, um körperlich durchzuhalten: Ich musste mich ja viel im Gelände bewegen, war von morgens bis abends auf den Beinen.

Im Grunde ist „Die Wand“ aber ein metaphorischer Text, eine Psychostudie, vielleicht auch die Beschreibung einer Depression. Läuft man nicht Gefahr, die Substanz des Textes zu verlieren, wenn man ihn ins Bildliche, ins Gegenständliche wendet?
Ich musste natürlich das innere Leben dieser Figur verkörpern. Ich half mir, indem ich mir sagte, dass ich ja Schriftstellerin war, praktisch Marlen Haushofer selbst darstellte. Die schreibende Frau: Sie ist der Ausgangspunkt des Buches und des Films. Sie notiert ihre inneren Erlebnisse. Und alles, was sie entwirft, nimmt Gestalt an. Sie schreibt aus der Erinnerung, löst diese aber zugleich gedanklich auf. Ich konnte jedes Bild, das ich in mir evozierte, plötzlich sehen und mich darin bewegen. So hab ich mich da reingetastet: fast wie in einen Traum. Diese Frau lebt abgeschottet von der Welt, wie in einer Blase, in der sich nur die Tiere als Triebe oder Urkräfte des Menschen finden.

Das Animalische ist in diesem Roman auch der Ersatz für die sonst völlig fehlende sexuelle Ebene.
Genau, die muss man nicht explizit machen, da sie eben implizit präsent ist. Und mit dem Tod des Stiers taucht auch der Mann auf, der – und das ist Teil des Heilungsprozesses – wieder ein Gegenüber für diese namenlose Frau ist. Das markiert das Ende einer Traumatisierung.

Denken Sie, es sind spezifisch weibliche Fragen, die in „Die Wand“ erörtert werden?
Nein, sicher nicht. Es sind Lebensfragen. Ich glaube, dass dieses Buch oft missinterpretiert wurde, denn vieles darin bleibt rätselhaft. Natürlich bietet sich der Roman dazu an, auf alle möglichen Weisen interpretiert zu werden – und er stammt ja aus jener verkrampften Zeit, da man den Frauen selbstständiges Denken noch absprach. Das war das allgemeine Bild damals: Man sah Frauen als exotische Urtierchen, bei denen es eher abwegig erschien, dass sie eigene Gedanken hegen könnten. Es ist ungeheuerlich, dass dieses Buch einst als „Hausfrauenliteratur“ abgestempelt wurde. Seine Faszination wurde erst viel später erkannt.

Sehen Sie den Autorenfilm als das Zentrum Ihrer Arbeit? Oder liegen Ihnen Ihre kommerzielleren Projekte ebenso am Herzen?
Auch „Das Leben der Anderen“ war ein Autorenfilm und wurde dann sehr schnell zu einem Welterfolg. Das Problem unserer Zeit ist doch die Gleichmacherei; das Individuelle wird zusehends aufgelöst, man bewegt sich in Schablonen. Das ist dem Umbruch ins Digitale hinein geschuldet. Das Originäre und Besondere, das den Einzelnen ausmacht, wird zunichtegemacht, und am Ende haben alle die gleiche Nase. In diesem Sinne freut es mich, wenn Filmemacher darauf bestehen, sich zu unterscheiden und für ihre Eigenwilligkeit auch zu kämpfen. Insofern ist mir die Kunst immer näher als der Kommerz.

Auf Basis welcher Kriterien entscheiden Sie sich denn für oder gegen einen Film?
Oft sind es bestimmte Zusammenhänge, die mich interessieren: Wenn ich einen Regisseur faszinierend finde und mit brillanten Kollegen arbeiten kann, sind das Drehbuch, das Raffinement der Dialoge für mich nicht ganz so erheblich. Bei anderen Projekten wiederum erscheint mir vor allem die angebotene Rolle so dicht und knackig, dass ich weiß: Diese Figur wird mich durchtragen, auch wenn meine Szenen am Ende zerschnippelt werden.

Sehen Sie sich gern auf der Leinwand?
Nein. Beim ersten Mal bin ich immer sehr ungnädig mit mir selbst. Aber ich stehe
sowieso auf dem Standpunkt, dass es meinem Beruf abträglich ist, wenn ich mich selbst spielen sehe und anschließend
beurteile. Man sollte möglichst selbst­vergessen spielen.

FILMKRITIK VON STEFAN GRISSEMANN ZU „DIE WAND“

Interview: Stefan Grissemann

Foto: Studiocanal GmbH

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