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Marvel bringt Comic-Adaptionen ins Kino

Robert Downey Jr. als Iron Man

In einem Wohnwagen irgendwo in der Wüste New Mexicos blickt einen Kevin Feige so ungläubig an, als ob man soeben einen Dreier mit seiner Frau vorgeschlagen hätte. „Glauben Sie wirklich, dass es da draußen noch Leute gibt, denen man Marvel erklären müsste?“, wiederholt er die Frage. Ja, genau. Ein oder zwei Filmfans könnte es irgendwo in den Weiten des Universums schließlich durchaus noch geben, an denen der Goldgräberrausch spektakulärer Comicverfilmungen bislang vorbei gegangen ist – und die darum nichts anfangen können mit Gestalten wie Donnergott Thor oder Captain America, mit dem Hulk oder den Avengers. „Na gut“, erwidert der Chef des Studios, dessen Logo auf seiner Baseballmütze prangt, „wenn ich jemandem künftige Marvel-Produktionen in einem Satz schmackhaft machen müsste, dann würde ich auf den ersten ‚Iron Man‘ verweisen und garantieren, dass all unsere kommenden Arbeiten so cool werden wie dieser Film.“
Damit verrät er natürlich gar nichts, denn Geheimhaltung ist oberste Priorität in der Blockbuster-Liga und von den Eindrücken beim Dreh der von Kenneth Branagh inszenierten Verfilmung des „Thor“-Stoffes etwa dürfen die angereisten Journalisten bis zum Start im Frühjahr 2011 unter Androhung standrechtlicher Erschießung einstweilen rein gar nichts berichten. Aber vermutlich genügt der Hinweis des Marvel-Managers auf „Iron Man“ tatsächlich, um auch Zuschauer jenseits des nerdigen Comic-Kosmos auf­horchen zu lassen. Der zweite Teil, dessen rechtzeitige Sichtung für diesen Text nur durch die isländische Killerwolke verhindert wurde, verspricht allein dank des Duells der liebenswerten Exzentriker Robert Downey Jr. und Mickey Rourke zum Pflichtvergnügen des Frühjahrs zu werden. Und ganz gleich, welche Kassenrekorde mutmaßlich geknackt werden: Marvel Studios sind mit „Iron Man2“ endgültig als einer der wichtigsten Player Hollywoods etabliert, deren Output für die nächsten Jahre bereits fest terminiert ist.
„2010 ist endlich das Jahr“, erklärt Firmenpräsident Feige, „in dem wir vollständig als unabhängige Einheit operieren und auch über die finanziellen und logistischen Mittel verfügen, um unsere langfristigen Pläne umsetzen zu können. Noch Anfang dieses Jahrhunderts hatten wir etliche Rechte an unseren Figuren lizensiert und waren nicht immer glücklich, wenn Verfilmungen wie etwa bei ‚Die fantastischen Vier‘ weit unter den Möglichkeiten der Stoffe blieben. Denn wir sind zwar Geschäftsleute, aber als Team zugleich auch allesamt glühende Fans und Intimkenner der Materie. Das heißt: Wir nehmen die Mythologien der Figuren und die Erzähltraditionen Marvels genau so ernst wie es etwa Christopher Nolan unter dem Dach von Warner Bros. bei seiner Neuinterpretation von Batman tat. Doch um wirklich sicher zu sein, ein hohes Qualitätslevel zu halten und Marvel auch als Kino-Marke zu etablieren, entschlossen wir uns irgendwann, das Produktionsgeschäft in die eigene Hand zu nehmen.“
Ähnlich wie Pixar im Animationsbereich ist Marvel dadurch ein so genanntes Mini-Majorstudio geworden, das seine Filme selbst finanziert und alle kreativen Entscheidungen autark trifft – mitunter auch recht rigoros gegen Star-Egos oder die mächtige Lobby der Agenturen von Los Angeles, wenn etwa während der Postproduktion von „The Incredible Hulk“ (2008) ein öffentlicher Disput mit Hauptdarsteller Edward Norton riskiert oder der als überbezahlt empfundene Ter­rence Howard als Teil des „Iron Man“-Ensembles nun durch den Kollegen Don Cheadle ersetzt wurde. Marvel-Manager Kevin Feige mag aussehen wie ein zu großgeratener Junge und von den „X-Men“ als seinen Lieblingshelden schwärmen wie die Kids bei der Genre-Messe ComiCon. Aber: „Trotz unserer Begeisterungsfähigkeit für kostümierte Helden sind wir uns bei Marvel alle im Klaren darüber, dass dauerhafter Erfolg im Kino nur möglich ist, wenn wir einer klaren Philosophie folgen und letztlich die Entscheidungsgewalt bei uns behalten. Wir ermutigen Zusammenarbeit bei Produktionen und haben unsere Risikobereitschaft mehrfach unter Beweis gestellt. Sei es durch die Besetzung von Downey Jr., dem zuvor niemand eine so große Rolle anvertraut hat. Oder nun durch die Verpflichtung Kenneth Branaghs als Regisseur von ‚Thor‘, der uns durch seine spektakulären Visionen überzeugte, aber nicht eben als Action-Filmemacher etabliert war. Doch am Ende des Tages trägt Marvel die Verantwortung und gibt eine inhaltliche wie stilistische Leitlinie vor, die den Comic-Ursprüngen geschuldet ist.“

Text: Roland Huschke

Lesen Sie den vollständigen Artikel in tip 10/10 auf den Seiten 38-40.

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