Musical

„Mary Poppins’ Rückkehr“ im Kino

Schornsteinfeger vs. Lampenanzünder – Eine seltsame Kopie des Originals

Disney Enterprises/ Jay Maidment

Als das vom Regieveteranen Robert Stevenson gedrehte Musical „Mary Poppins“ 1964 in die Kinos kam, entpuppte sich die perfekte Mischung aus stilisiertem Real- und Zeichentrickfilm als der größte Geschäftserfolg des Produzenten Walt Disney. Tatsächlich spiegelt der Film in besonderem Maße wider, was man als den „Disney-Touch“ bezeichnen könnte: die Fähigkeit, in jeder Szene eines homogenen Filmes ein Familienpublikum aller Altersstufen gleichermaßen anzusprechen.

Das Thema von „Mary Poppins“ ist einfach genug: Spiel, Fantasie und Musik. Viel Handlung gibt es nicht zu verzeichnen, dafür springen das im Wortsinn zauberhafte Kindermädchen Mary Poppins und die beiden ihr anvertrauten Kinder von einem fantasievollen Abenteuer zum nächsten: In einer sonnigen Cartoonwelt treffen sie auf Zeichentrickpinguine, begegnen einem Mann, der stets an der Decke schwebt, und erleben ein exzellent choreographiertes Ballett der Schornsteinfeger.

Falls sich jetzt jemand fragt, warum all dies hier so ausführlich beschrieben wird, wo es doch eigentlich um einen brandneuen Film namens „Mary Poppins‘ Rückkehr“ geht: Die lockere 54 Jahre später entstandene Fortsetzung kopiert in einer reichlich bizarr wirkenden Weise das Konzept des Originalfilms. Zwar sind die Kinder von einst nun erwachsen geworden, doch ihre Sprösslinge treffen in Begleitung der zurückgekehrten Mary Poppins (Emily Blunt) nun auf Cartoonfiguren, begegnen einer Frau, deren Welt auf dem Kopf steht, und erleben ein Ballett der Lampenanzünder. Natürlich ist auch die Musik nicht modern, sondern verströmt nostalgisches Flair.

Doch der Versuch, einen Film zu produzieren, der aussehen soll, als wäre seit 1964 kein Tag vergangen, kann nicht funktionieren. Letztlich wirkt hier alles nur wie ein zweitrangiger Abklatsch. Regisseur und Choreograph Rob Marshall sowie Lin-Manuel Miranda (in der Rolle des Lampenanzünders Jack) sind Musical-Profis, und auch Emily Blunt macht ihre Sache als Mary Poppins eigentlich gut. Aber die einstige Genre-Expertise der im Hollywood-Studiosystem geschulten Spezialisten kann keine heutige Filmproduktion mehr erreichen – und schon gar nicht, wenn man durch eine müde Kopie den Vergleich auch noch direkt herausfordert. Die Bedingungen haben sich einfach geändert, und darauf müsste ein moderner Film reagieren.

Mary Poppins’ Rückkehr USA 2018, 130 Min., R: Rob Marshall, D: Emily Blunt, Lin-Manuel Miranda, Emily Mortimer, Ben Wishaw, Start: 20.12.

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