Biopics

Mary Shelley und Colette kommen ins Kino

Weibliche Ikonen: Zwei Dramen über historische Frauenpersönlichkeiten

Colette, Foto: DCM

Mary Shelley und Colette: zwei Schriftstellerinnen, zwei unkonventionelle Leben. Rund 80 Jahre liegen zwischen ihrem Wirken, und doch sind die Parallelen unübersehbar: Beide waren talentiert und selbstbewusst, beide führten frühe und komplizierte Beziehungen zu narzisstischen Männern, lebten dabei in zeitweilig prekären Verhältnissen. Und fochten einen letztlich erfolgreichen Kampf gegen eine paternalistische Gesellschaft, die Frauen nichts zutraute und ihnen den (auch ideellen) Lohn für ihre Arbeit verwehrte: Sowohl Shelley als auch Colette konnten ihre ersten literarischen Arbeiten nicht unter eigenem Namen veröffentlichen.

Dass sich zwei neue Biopics jetzt dieser beiden ungewöhnlichen Literatinnen annehmen, ist eine Folge des Zeitgeists. Historische Biografien werden unter modernen Gesichtspunkten noch einmal neu gesehen und interpretiert: Die saudi-arabische Regisseurin Haifaa Al Mansour („Das Mädchen Wajda“) betrachtet die Lebensgeschichte von Mary Shelley (Elle Fanning) mit einem feministischen Blick und sucht die ­Parallelen zum modernen Leben unserer Zeit (was ähnlich auch auf den tip-Preview-Film „Maria Stuart, Königin von Schottland“ zutrifft, siehe Seite 38), während der (homosexuelle) ­Regisseur Wash Westmoreland („Still Alice“) im Fall der bisexuellen Colette (Keira Knightley) auch deutlich die queeren Aspekte ihres Lebens in seiner Inszenierung hervorhebt.

Die Britin Mary Godwin (später: Mary Shelley) war als Kind des frühen 19. Jahrhunderts ganz das Produkt des Zeitalters der Aufklärung. 1797 geboren als Tochter der Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft und des für seine anarchistischen Schriften bekannten Autors und Buchhändlers William Godwin, wurde sie mit 16 Jahren bereits die Geliebte des atheistischen, romantischen (und damals noch anderweitig verheirateten) Dichters Percy Shelley und ­reiste mit ihm in manchmal prekären Verhältnissen durch Europa.

Als sie ihr berühmtes Meisterwerk „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ schrieb, weil sie sich mit Shelley, Lord Byron und John Polidori bei schlechtem Wetter am Genfer See langweilte, war sie gerade mal 19 Jahre alt. Veröffentlichen konnte sie das ­Manuskript nur anonym (Schauerliteratur von Frauen verkaufte sich angeblich nicht), und weil Percy Shelley das Vorwort geschrieben hatte, hielt man es allgemein für sein Werk. Doch Mary hatte einen langen Atem: Noch zu ihren Lebzeiten gab es Neuauflagen von „Frankenstein“ unter ihrem Namen.

Die 1873 geborene Französin Colette (Keira Knightley) ­erlebte hingegen das Pariser Bohème-Leben an der Wende des 20. Jahrhunderts: Auch sie war erst 16 Jahre alt, als sie den Schriftsteller und Salonlöwen Henry Gauthier-Villars kennenlernte, der unter dem Pseudonym Willy veröffentlichte. Willy erkannte ihr Talent und nutzte es weidlich aus – Colettes mit allerlei autobiografischem Material angereicherte „Claudine“-Romane erschienen unter seinem Namen. Nur allmählich ­konnte sie sich aus dieser Ehe und Abhängigkeit befreien: als umstrittene Varieté-Künstlerin, als Schriftstellerin mit eigener Stimme und in einer Reihe von lesbischen Beziehungen.

Gemeinsam ist beiden Filmen, dass sie sich auf die frühen Jahre ihrer Protagonistinnen beschränken, die zugleich von den stürmischen Beziehungen zu ihren (späteren) Ehemännern geprägt waren. Dabei bedeutet der Blick aus weiblicher Perspektive nicht, dass die Männer hier als eindimensionale Pappkameraden dargestellt wären. Die Beziehungen sind komplexer Natur: Mit dem Ideal der freien Liebe, dem die Shelleys anhingen (er recht praktisch, sie eher theoretisch), und ihrem Quasi-Kommunenleben mit Marys Halbschwester Claire (die mit Percy eine Affäre hatte und von Lord Byron ein Kind bekam), waren sie ihrer Zeit weit voraus und müssen doch erfahren, dass Männer in einer männlich dominierten Gesellschaft ihre Freiheiten sehr viel selbstverständlicher und rücksichtsloser einfordern (können) als die Frauen.

Vor diesem Hintergrund wird Marys „Frankenstein“-Roman zum Ausdruck ihrer Erfahrungen mit einem egoistischen Narziss: Die Gefühle des betrogenen Monsters von Wut und Verlassenheit sind ihre eigenen.

Auch Willy ist ein verführerisches Scheusal: In den besten Momenten seiner Beziehung zu Colette gibt es eine Art libertäres Einvernehmen, dem jeweils anderen bei sexuellen Eskapaden nicht im Weg zu stehen. Doch auch Willy versteht den Kern von Colettes letztlicher Auflehnung nicht: Dass er sich ihre mit viel Herzblut geschriebenen „Claudine“-Romane, die in einer gewissen Naivität ihre eigenen Empfindungen ausdrückten, rechtlich und finanziell ­aneignete (und für ein Butterbrot wieder weggab), ließ Colette schließlich ihren eigenen Weg gehen. Als sie 1954 starb, war sie eine französische Ikone.

Mary Shelley GB/LUX/USA 2017, 120 Min., R: Haifaa Al Mansour, D: Elle Fanning, Douglas Booth, Tom Sturridge, Bel Powley, Maisie Williams, Start: 27.12.

Colette GB/USA 2018, 111 Min., R: Wash Westmoreland, D: Keira Knightley, Dominic West, Fiona Shaw, Start: 3.1.

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