Kino & Stream

Matt Damon in „Der Informant!“ im Kino

Exzessive wirtschaftskriminelle Energie würde man jemandem wie Marc Whitacre auf den ersten Blick kaum zutrauen. Höchst unauffällig, geradezu langweilig wirkt der von Matt Damon gespielte Angestellte des Agrarkonzerns Archer Daniels Midland aus Illinois. Sein reales Vorbild stand im Zentrum eines spektakulären Falles, den Steven Soderbergh in seiner White-Collar-Crime-Komödie „Der Informant!“ nachzeichnet.
Alles beginnt damit, dass Whit­acre Anfang der 90er Jahre beschließt, mit dem FBI gemeinsame Sache zu machen und Informationen über angebliche illegale Preisabsprachen seines Arbeitgebers auszuplaudern. Ein klassischer „In­sider“ könnte man meinen. Doch bald stellt sich he­raus, dass Whitacre alles andere als ein uneigennütziger Kämpfer gegen Konzernmachenschaften ist. Vielmehr entpuppt sich der Biotechniker als pathologischer Lügner mit ganz eigener Agenda, der ein ebenso irres wie riskantes Spiel betreibt. Unterschlagungen füllen sein eigenes Konto mit Mil­lionen Dollar.
Steven Soderberghs Inszenierung strebt nach der Leichtigkeit der funkelnd glamourösen Heist-Eskapaden seiner „Ocean’s“-Reihe. Der Score von Marvin Hamlisch über den seltsam auf 70er Jahre getrimmten Retrobildern ist beschwingt, die Schauplatzwechsel zahlreich, und immer wieder gibt es Einblicke in die wilden Rotationen in Whitacres Kopf, werden kleine, hektische, popkulturelle oder einfach nur nebensächliche Gedankensplitter aus dem Off eingestreut – vom Krawattenmuster bis zum Höschenautomaten in Japan.
Matt Damon verschwindet durchaus mit Vergnügen in der äu­ßerlichen Durchschnittlichkeit des Hochstaplers, der sich bei seinen Aktionen selbst wie Geheimagent 0014 fühlt (also doppelt so gut wie James Bond). 15 Kilo Speckigkeit futterte sich der Akteur für diese Rolle an, ließ sich eine schon seinerzeit nicht modische Welle ins Haar föhnen und unter dem Kassenbrillengestell einen wenig attraktiven Schnurrbart wachsen.
Als Film braucht „Der Informant!“ eine gewisse Zeit, bis er im Durcheinander der Verwicklungen an Tempo und Situationskomik gewonnen hat und bis klar geworden ist, dass Whitacre ein enormes Gebilde aus dreisten Lügen und gezielten Fehlinformationen konstruiert hat – und auch nicht aufhört, weiter daran zu bauen, als es schon sichtbar in Trümmer fällt. Ein unübersichtliches System, das durch Maßlosigkeit und Gier zum Einsturz gebracht wird. Soderbergh hat fast zehn Jahre gebraucht, um „Der Informant!“ zu realisieren, aber das kapitalismuskritische Amüsement, das er darin transportiert, passt perfekt in die finanzkrisenerschütterte Gegenwart.

Text: Sascha Rettig

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Der Informant!“ im Kino in Berlin

Der Informant! (The Informant!), USA 2009; Regie: Steven Soderbergh; Darsteller: Matt Damon (Mark Whitacre), Scott Bakula (FBI Special Agent Brian Shepard), Joel McHale (FBI Special Agent Bob Herndon); Farbe, 108 Minuten

Kinostart: 5. November

Mehr über Cookies erfahren